Liebe Mitstreiterinnen, liebe Kolleginnen,
ich stehe hier am 8. März als Frau, als Arbeitnehmerin, als Gewerkschaftsmitglied. Wir alle haben uns entschieden, für unsere Rechte zu kämpfen! Eine Frau ist nur frei, wenn alle Frauen frei sind! Aber wo sind die Frauen, mit denen wir täglich arbeiten? Als Erzieherinnen in den Hilfen zur Erziehung setzen wir uns täglich mit den Lebensrealitäten von Frauen auseinander: Mütter, Alleiner ziehende in Armut, später als Rentnerinnen, Frauen mit Gewalt-, mit Fluchterfahrung, mit psychischen Belastungen, mit transgenerationalem Trauma. Jeden Tag stehen wir vor großen Herausforderungen. Frauen in prekären Lebenslagen finden sich häufig in finanzieller Abhängigkeit, ungesicherten Wohnverhältnissen sowie struktureller Benachteiligung im Bildungssystem wieder.
Die Mütter in meiner Einrichtung kämpfen an mehreren Fronten gleichzeitig und sollen, obwohl sie selbst nie sichere Bindung erlebt haben, gute Eltern sein. Sie sollen Stabilität bieten, obwohl ihre Lebensumstände es nicht sind. Sie sollen kooperieren, während sie Angst haben, ihre Kinder zu verlieren. Und wir? Wir sollen sie in einem System stabilisieren, das selbst instabil ist. Ein System durchdrungen von struktureller Gewalt, mit der meine Klientinnen sich täglich konfrontiert sehen.
Die Mütter erleben innerhalb der Hilfe: Schon wieder kein Verlass, weil eine Pädagogin im LzK ist oder gekündigt hat. Schon wieder ein Antrag und bangen um Bewilligung – die Obdachlosigkeit lauert hinter jedem Brief. Schon wieder ein Gutachten, dass die eigene Erziehungsfähigkeit bewertet. Schon wieder die eigene Würde ablegen müssen in der Hoffnung endlich angepasst genug zu sein. Die massive Abwertung weiblicher Lebensrealitäten wird in den Hilfen zur Erziehung jeden Tag sichtbar.
Welche Wahlmöglichkeiten hat eine Frau, die keinen Schulabschluss, kein stabiles soziales Netz, keine Wohnung, dafür aber traumatische Vorerfahrungen hat, wird die Hilfe beendet und sie aufgrund mangelnder Kenntnis über deutsche Bürokratie im Stich gelassen? Ein Ende der Hilfe, trieb bereits Klientinnen in die Prostitution. Weil Sexkauf in Deutschland legal ist, gibt es eine riesige Nachfrage an neuen Frauen. Die auf das Geld angewiesen sind, weil sie strukturell in Armut gehalten werden und sucht krank sind. Die keine Grenzen setzen können, weil sie bereits als Kinder sexualisierte Gewalt erfahren haben. Die niemand vermisst, weil sie in keinen festen Familienstrukturen verankert sind. Prostitution ist keine Frage von Freiwilligkeit, sondern eine Frage der Klasse. Meine Klientinnen sind leichte Beute – und ich völlig hilflos, denn die Täter agieren in legalen Strukturen!
Die sexuelle Ausbeutung von Mädchen und Frauen betrifft leider jede Frau, der ich in den vergangenen vier Jahren in der HzE begegnete – sei es im Rahmen ökonomischer Gewaltausübung durch Partner*innen, Loverboys oder Zuhälter oder in Form des Gefügigmachens, um Macht über die Parterin zu behalten – und ich halte es nicht mehr aus zusehen zu müssen. Männer, die sich mit uns solidarisieren – vergesst nicht, dass Ihr von diesen Gewaltstrukturen profitiert. Die Ausbeutung von Frauen – ob in der HzE als Hilfeempfängerin oder in der Carearbeit als Kollegin – sie geht uns alle an, findet täglich vor unseren Augen statt – lasst uns das nicht vergessen, auch, wenn sich ein 8. März jedes Jahr aufs Neue bestärkend und solidarisierend anfühlt.
Wer sich nicht bewegt, spürt seine Fesseln nicht!
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Dear fellow fighters, dear colleagues,
I stand here on March 8th as a woman, as a worker, as a union member. We have all decided to fight for our rights! A woman is only free when all women are free! But where are the women we work with every day? As childcare workers in child and youth services, we deal daily with the realities of women’s lives: mothers, single parents living in poverty, later as pensioners, women with experiences of violence, refugees, mental health challenges, and intergenerational trauma. Every day we face enormous challenges. Women in precarious situations often find themselves financially dependent, with insecure housing, and structurally disadvantaged within the education system.
The mothers in my facility are fighting on multiple fronts at the same time. They are expected to be good parents, even though they themselves having never experienced secure attachments. They are expected to provide stability, even though their circumstances don’t allow for it. They are expected to cooperate while fearing they will lose their children. And us? We are supposed to stabilize them within a system that is itself unstable. A system permeated by structural violence, which my clients face daily.
Within the system, mothers experience: yet another lack of reliability because a social worker is either unavailable or has resigned. Yet another application and anxious wait for approval – homelessness lurks behind every letter. Yet another assessment evaluating their parenting abilities. Yet another forced surrender of their dignity in the hope of finally being deemed compliant enough. The pervasive devaluation of women’s lived experiences is evident every day in the child welfare system.
What options does a woman have who lacks a high school diploma, a stable social network, and a home, and has traumatic experiences? Is her support terminated because of her lack of understanding of the German bureaucracy? Is she left behind because of this? Ending support has already driven clients into prostitution. Because buying sex is legal in Germany, there is a huge demand for new women. These women depend on the money because they are structurally trapped in poverty and suffer from addiction. They cannot set boundaries because they experienced sexual violence as children. No one misses them because they are not in stable family structures. Prostitution is not a matter of free will, but a matter of class. My clients are easy prey – and I am completely helpless, because the perpetrators operate within legal structures!
The sexual exploitation of girls and women unfortunately affects every woman I’ve encountered in the past four years in the outreach field – whether through economic violence perpetrated by partners, pimps, or other forms of coercion to maintain power over the partner – and I can no longer bear to stand by and watch. Men who stand in solidarity with us – do not forget that you profit from these structures of violence. The exploitation of women – whether in outreach as recipients of assistance or in care work as colleagues – concerns us all, happens daily before our very eyes – let us not forget that, even if March 8th feels empowering and uniting every year.
Those who do not move do not feel their chains!
