Ehrenbürger:innen der Stadt Leipzig

Von 1832 bis zum Mai 2022  hat die Stadt Leipzig 89 Ehrenbürger ernannt. 6 von ihnen wurde diese Auszeichnung wieder aberkannt. Das Ehrenbürger:innen-Recht ist die höchste Auszeichnung der Stadt Leipzig. Verliehen wird es an natürliche, lebende Personen, die sich in herausragender Weise um Mitmenschen, um das Gemeinwohl, um die Stadt Leipzig, ihr Ansehen oder ihre Entwicklung verdient gemacht haben. Der Vorschlag kann von jeder natürlichen oder juristischen Person, von Verbänden oder sonstigen Vereinigungen eingereicht werden – und ist schriftlich an den/die Oberbürgermeister:in zu richten und muss hinreichend begründet sein.

Hier der Link auf Leipzig.de:
https://www.leipzig.de/buergerservice-und-verwaltung/unsere-stadt/auszeichnungen-und-ehrungen/leipziger-ehrenbuerger

Erst am 24. 10. 2022 wurde die erste Ehrenbürgerin Leipzigs benannt:
Channa Gildoni
 

Da bis zu diesem Zeitpunkt nur männliche Ehrenbürger ernannt wurden und dies ein starkes Ungleichgewicht darstellt, die Leistungen von Frauen betreffend, die hier in keiner Weise gleichwertig gewürdigt wurden, schlägt die AG Frauenprojekte für jeden aktuellen eingereichten Vorschlag zudem eine weitere Frau vor, die die Ehrenbürger:innen-Würde der Stadt Leipzig verdient hätte. Geplant ist ein Vorschlag monatlich ab Januar 2023.

Vorschläge für die Verleihung der Ehrenbürger:innen-Würde der Stadt Leipzig:

Heide Steer

Heide Steer setzte sich viele Jahre ihres Lebens für die Gleichstellung von Mann und Frau in und von Leipzig aus ein. Ihr ehrenamtliches Engagement kannte dabei kein Ende. So war sie viele Jahre Vorstandsmitglied der Louise-Otto-Peters-Gesellschaft e.V., sie wirkte im Förderverein Aidshilfe, im Bezirksfrauenrat der Gewerkschaft ver.di und im Förderverein sozialer Projekte für Frauen und Jugendliche e.V. mit, in dem sie auch im Vorstand saß, sie betätigte sich als Schöffin am Landgericht Leipzig und war lange Jahre im Verein TERRE DES FEMMES – Menschenrechte für die Frau e.V. aktiv. Dort engagierte sie sich vor allem gegen Menschenhandel und Prostitution, gegen Gewalt an Frauen, für menschenunwürdige Arbeitsbedingungen in Textilbetrieben der „Dritten Welt“ und für die Würdigung von Frauen in Friedensprozessen ein. Sie war eine unermüdliche Netzwerkerin und schaffte es damit auch, eine breitere zivilgesellschaftliche Basis zu mobilisieren. Damit leistete sie einen wichtigen Beitrag zur Sichtbarmachung von Problemen, mit denen vor allem Frauen zu kämpfen haben und schaffte es so, entsprechende gesellschaftliche Diskurse anzuregen. Dabei bereicherte sie das kulturelle und gesellschaftliche Leben Leipzigs und trug einen Beitrag dazu bei, die Gleichstellung von Mann und Frau in Leipzig voranzubringen.
Dafür erhielt sie 2016 schon den Louise-Otto-Peters-Preis, den die Stadt Leipzig für herausragendes Engagement in der Förderung der Gleichstellung von Mann und Frau verleiht.
Heute ist Heide Steer mit 80 Jahren eine betagte Frau, sie hat mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen. Die Stadt Leipzig sollte ihr den Ehrenbürgerinnen-Titel verleihen, bevor es zu spät ist.

 

Prof.in Dr.in Ilse Nagelschmidt

Ilse Nagelschmidt, geboren 1953 in Leipzig; promovierte nach dem Studium der Germanistik, Geschichte und Pädagogik 1983 über „Das Bild der Frau in der DDR-Literatur der fünfziger und sechziger Jahre“. Acht Jahre später habilitierte sie zu „Frauenliteratur der DDR – soziales und literarisches Bedingungsgefüge, Wesen und Erscheinungsformen – untersucht an epischen Werken der DDR-Literatur in den siebziger und achtziger Jahren“. 1996 wurde sie Professorin für Neueste deutsche Literatur an der Universität Leipzig. Sie forschte hauptsächlich zu DDR-Literatur und Deutsch-Deutscher Literatur nach 1989.
Von 1994 bis 2002 war Ilse Nagelschmidt Gleichstellungsbeauftragte der Universität Leipzig; bis 2010 Gleichstellungsbeauftragte der Philologischen Fakultät. Von 2002 bis 2004 war sie Leiterin der Leitstelle für Fragen der Gleichstellung von Frau und Mann im Sächsischen Staatsministerium für Soziales in Dresden. 2005 gründete sie das Zentrum für Frauen-und Geschlechterforschung der Universität Leipzig (FraGes), das sie als Direktorin bis 2018 leitete. Zusammen mit Prof.in Dr.in Barbara Drinck arbeitete sie an der Neugestaltung des Gender Glossars an der Universität Leipzig.
Ilse Nagelschmidt ist seit 2020 emeritierte Professorin. Mit ihrer Arbeit an der Universität Leipzig und auch darüber hinaus leistete sie jahrzehntelang Pionierarbeit und einen wichtigen Beitrag zur Gleichstellung der Geschlechter im akademischen Kontext, der bis heute Spuren im universitären Alltag hinterlässt.

 


Ebenso hätten die Ehrenbürger:innen-Würde verdient:

Louise Otto-Peters 

Sie engagierte sich im 19. Jahrhundert vor allem für Bildungsgerechtigkeit. In einer Zeit, in der sich Frauen politisch nicht beteiligen konnten und in der nur Töchter gehobener Kreise die Chance auf eine Mädchenbildung bis zur Konfirmation hatten, setzte sie sich für die Verbesserung der Mädchen- und Frauenbildung ein und forderte als erste Frau im deutschsprachigen Raum das politische Wahlrecht für Frauen. Geboren in Meißen zog sie es 1860 nach Leipzig, wo sie auch bis zu ihrem Ableben 1895 blieb. Dort war sie schriftstellerisch tätig, z.B. bei der Mitteldeutschen Volks-Zeitung und unterhielt ein umfangreiches und weit verzweigtes Netzwerk zu anderen liberal denkenden Menschen ihrer Zeit. Sie gründetet mit Mitstreiterinnen den Leipziger Frauenbildungsverein und den Allgemeinen Deutschen Frauenverein (ADF), den ersten überregionalen deutschen Frauenverein, 1865. Das Ziel dieser Vereine war es, Hilfe zur Selbsthilfe anzuregen und zu organisieren. Die Vereinszeitschrift des AFDs „Neue Bahnen“ gab sie bis zu ihrem Ableben heraus. Sie versuchte mit ihren Schriften und ihrem Wirken auf die Ungerechtigkeiten, mit denen Frauen ihrer Zeit zu kämpfen hatten, aufmerksam zu machen und zu beheben, sowohl im Bildungskontext als auch in der sich durch die Industrialisierung verändernden Arbeitswelt.
Obwohl schon 1832 in Leipzig die erste Ernennung eines Ehrenbürgers durchgeführt wurde, blieb ihr diese Ehrung verwehrt – sie war ja nur „eine Frau“. Auch sie hätte diese Ehrung, wie Heide Steer, verdient. Beide eint das ehrenamtliche, unermüdliche Engagement für die Gleichstellung von Mann und Frau, das Netzwerken und Anprangern von Ungerechtigkeiten ihrer Zeit.

Prof.in Dr.in phil. habil. Eva Lips

Eva Lips (geboren am 6. Februar 1906 in Leipzig; gestorben am 24. Juli 1988 in Leipzig) war Ethnologin und die zweite Frau mit einer ordentlichen Professur an der Universität Leipzig. 1906 in Leipzig geboren, studierte sie ab 1928 Völkerkunde in Köln, Bonn, Paris und New York und beschäftigte sich vor allem mit der Erforschung der Ureinwohner:innen Nordamerikas. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurden Eva Lips und ihr Mann Julius Lips aufgrund ihrer Positionierung gegen den unverhüllten Rassismus in der Völkerkunde politisch verfolgt. Sie emigrierten 1934, nachdem ihnen die Staatsbürgerschaft aberkannt wurde, über Frankreich nach New York. Dort arbeitete Eva Lips als Assistentin von Julius Lips an verschiedenen Universitäten und Colleges in New York und Washington und hielt ebenso Vorlesungen. Beide forschten zusammen intensiv zu den Ureinwohner:innen Nordamerikas. Eva Lips und ihr Mann waren zudem engagiert antifaschistischen Widerstand.
1948 kehrten Eva und Julius Lips nach Leipzig zurück, wo Julius Lips die Geschäftsleitung des Instituts für Ethnologie übernahm. Nach seinem Tod 1950 wurde diese Aufgabe Eva Lips übertragen. Sie führte hier ihre eigene wissenschaftliche Karriere fort, promovierte und habilitierte zum Ojibwa-Stamm in Nordamerika. 1960 folgte schließlich ihre Berufung zur Professorin mit vollem Lehrauftrag, 1966 zur Professorin mit Lehrstuhl. Eva Lips starb 1988 im Alter von 82 Jahren.
Neben ihrer wissenschaftlichen Tätigkeit war Eva Lips bemüht, das vorherrschende klischeehafte Bild der Ureinwohner:innen zu korrigieren. So schrieb die Ethnologin zahlreiche populärwissenschaftliche Bücher über Native Americans. Mit ihren Veröffentlichungen, in denen sie unter anderem für Maßnahmen zum Erhalt des Weltkulturerbes plädierte oder gegen den Eurozentrismus intervenierte, wurde sie international bekannt.