Ehrenbürger:innen der Stadt Leipzig

 

Von 1832 bis zum Mai 2022 ernannte die Stadt Leipzig 89 männliche Ehrenbürger.

Das empfinden wir als Vertreterinnen der AG Frauen*Projekte Leipzig als nicht wertschätzend den zahlreichen Frauen gegenüber, die sich ebenso „in herausragender Weise“ für diese Stadt verdient gemacht haben.

Leipzig ist eine Stadt, in der seit Anbeginn Frauen aktiv tätig waren und immer noch sind – einer Stadt, in der Frauen gesellschaftlich vieles mit-/angeschoben haben und „am Laufen halten“. Ein Sachverhalt, welcher kaum öffentlich gewürdigt wurde – und sich in o.g. Verleihungen des Ehrenbürger:innen-Rechts sehr deutlich spiegelt. Bezugnehmend auf unser Grundgesetz, Artikel 3 korreliert dieser gesellschaftspolitische Sachverhalt nicht mit den demokratischen Ansprüchen der Stadt Leipzig – sondern im Gegenteil: Es ist eine Verletzung des Anspruchs eines demokratischen Gemeinwesens.

Das Ehrenbürger:innen-Recht ist die höchste Auszeichnung der Stadt Leipzig. Verliehen wird es an natürliche, lebende Personen, die sich „in herausragender Weise um Mitmenschen, um das Gemeinwohl, um die Stadt Leipzig, ihr Ansehen oder ihre Entwicklung verdient gemacht haben.“

Der Vorschlag kann von jeder natürlichen oder juristischen Person/Verbänden eingereicht werden – und ist schriftlich an den/die Oberbürgermeister:in zu richten und muss hinreichend begründet sein.
Hier der Link auf Leipzig.de:
https://www.leipzig.de/buergerservice-und-verwaltung/unsere-stadt/auszeichnungen-und-ehrungen/leipziger-ehrenbuerger

Erst am 24. 10. 2022 wurde die erste Ehrenbürgerin Leipzigs benannt:
Channa Gildoni
 

In diesem Kontext steht das feministisch zivilgesellschaftliche Handeln der AG Frauenprojekte Leipzig – in diesem und in den folgenden Monaten, Vorschläge zu unterbreiten für Frauen, die diese Würde verdient haben.

Um das starke Ungleichgewicht öffentlicher Würdigung, die Leistungen von Frauen betreffend, noch deutlicher sichtbar zu machen, schlägt die AG Frauenprojekte zudem parallel zu jeder aktuellen Einreichung der Ehrenbürger;innen-Würde eine weitere Frau vor, die diese Ehrung der Stadt Leipzig verdient hätte.

Die Einreichung der Vorschläge geschieht von 04-2023 – 03-2024.

Alle Vorgeschlagenen werden zu Beginn des Jahres 2024 zudem in einer Ausstellung in den Räumen des Soziokulturellen Zentrums Frauenkultur Leipzig gemeinsam vorgestellt und geehrt werden.



Vorschläge für die Verleihung der Ehrenbürger:innen-Würde der Stadt Leipzig:

 

Prof.in Dr.in Ilse Nagelschmidt

Über uns | Gender Glossar

Ilse Nagelschmidt, geboren 1953 in Leipzig; promovierte nach dem Studium der Germanistik, Geschichte und Pädagogik im Jahr 1983 über „Das Bild der Frau in der DDR-Literatur der Fünfziger- und Sechzigerjahre“. Acht Jahre später habilitierte sie zu „Frauenliteratur der DDR
– soziales und literarisches Bedingungsgefüge, Wesen und Erscheinungsformen – untersucht an epischen Werken der DDR-Literatur in den Siebziger- und Achtzigerjahren“.

Dass die universitäre Geschlechterforschung so einen hohen Stellenwert in der Stadt Leipzig hat – sind u.a. auch diversen Aktivitäten von Ilse Nagelschmidt zu verdanken. In ihrer Funktion als Leiterin der Leitstelle für Fragen der Gleichstellung von Frau und Mann im Sächsischen Staatsministerium für Soziales von 2002 bis 2004 hat sie viele wichtige Prozesse angeschoben – die bis heute auch in der Stadt Leipzig wirken.

Weiteres berufliches & gesellschaftliches Engagement
– Von 1994 bis 2002: Gleichstellungsbeauftragte der Universität Leipzig
– 1996: Professur für Neueste deutsche Literatur an der Universität Leipzig. Forschungsschwerpunkt: DDR-Literatur und Deutsch-Deutsche Literatur nach 1989.
– Von 2002 bis 2004 war sie Leiterin der Leitstelle für Fragen der Gleichstellung von Frau und Mann im Sächsischen Staatsministerium für Soziales in Dresden.
– 2005 gründete sie das Zentrum für Frauen-und Geschlechterforschung an der Universität Leipzig (FraGes) mit – brachte damit verstärkt Gender-Studies nach Leipzig. Bis 2018 leitete sie als Direktorin das Zentrum für Frauen- und Geschlechterforschung. Zusammen mit Prof.in Dr.in Barbara Drinck arbeitete sie an der Neugestaltung des Gender Glossars an der Universität Leipzig.
– Bis 2010: Gleichstellungsbeauftragte der Philologischen Fakultät
– Seit 2020: emeritierte Professorin. Mit ihrer Arbeit an der Universität Leipzig und auch darüber hinaus leistete sie jahrzehntelang Pionierinnenarbeit und einen wichtigen Beitrag zur Gleichstellung der Geschlechter im akademischen Kontext, der bis heute Spuren im universitären Alltag hinterlassen hat und hinterlässt.


„Die Ehrenbürgerschaft ist ein ganz wichtiges Signal. Einmal nach innen, weil es Wertschätzung für die Frauen der Stadt ausdrückt. Aber natürlich auch nach außen, weil es zeigt, dass sich die Stadt Gedanken um das Thema Gleichstellung macht.“
(Ilse Nagelschmidt)

(Bildquelle: Prof.in Dr.in Ilse Nagelschmidt, Gender Glossar https://www.gender-glossar.de/ueber-uns)

 

Rita Jorek

 Rita Jorek, geboren 1935 in Berlin, studierte Publizistik, Literatur, Philosophie und Kunstgeschichte in Leipzig und arbeitete hier als Redakteurin, freiberufliche Journalistin und Publizistin. Ihr Augenmerk galt stets den Künstlerinnen, die sich in Leipzig bewegten.
Rita Jorek ist Herausgeberin der gesammelten Gedichte von Helga M. Novak und Mitherausgeberin eines Katalogs zum literarischen und publizistischen Schaffen von Louise Otto-Peters. Damit legte sie die Grundlage für weitere Forschungen. Seit 1985 forscht Rita Jorek intensiv zum Leben und Wirken der Künstlerin Elsa Asenijeffs.
Mit Vorträgen, Aufsätzen und als Mitherausgeberin einiger Werke sowie der GEDOK Ausstellung zum 140. Geburtstag der Künstlerin 2007, gelang es ihr, den Lebensweg Elsa Asenijeffs nach zu zeichnen und die vorherrschenden Klischees und Vorurteile über die Künstlerin in ein anderes Licht zu rücken sowie Verleumdungen aufzuzeigen. Damit würdigte sie auch ihren Einfluss auf die Arbeiten von Max Klinger. Diese Beispiele verdeutlichen die Leistungen Rita Joreks, Frauen und ihre künstlerischen Werke vor dem Vergessen zu bewahren.

Weiteres berufliches & gesellschaftliches Engagement
– Von 1999 – 2009 war sie Vorsitzende der GEDOK Gruppe Leipzig/Sachsen e.V., engagierte sich aktiv u.a. im Bund Bildender Künstler sowie in der Louise-Otto-Peters-Gesellschaft Leipzig.
– Im Freundeskreis des Museums für Angewandte Kunst gründete Rita Jorek
den Freundeskreis Karl Krug mit und legte den Grundstein für die ISOLDEHAMM-STIFTUNG – eine unselbstständige Stiftung zur Förderung von Künstlerinnen in Trägerschaft der GEDOK Leipzig.

„Nichts bleibt, wie es war, und viel Gewohntes und Liebgewordenes geht über Bord. Warum nicht auch jene das Unrecht konservierende Sprachformen, an denen höchstens der alte Heros/Held hängt, der sie etymologisch von Hera, der großen griechischen Göttin, herleitet.“
Zitat: Rita Jorek/ 1.9.2020 – zum Artikel „Es ist nicht egal, wie ich spreche“
vom 19.8.2020/Leipziger Volkszeitung

(Bildquelle: Rita Jorek in ihrem Arbeitszimmer, fotografiert von Nori Blume, 2022)

 

Elke Baier 

Elke Baier wurde am 1. Juni 1964 in Leipzig geboren. Sie arbeitete in der DDR als Produktionsarbeiterin im Volkseigenen Betrieb (VEB) Roh- und Feinkartonagen in Leipzig. Elke Baier ist Mutter von vier erwachsenen Kindern und sie war alleinerziehend.

Seit 2002 arbeitet Elke Baier in den Linden-Werkstätten der Diakonie in Leipzig. Zuerst arbeitete Elke Baier in der Papier-Abteilung und jetzt arbeitet sie in der Hauswirtschaftsabteilung. Elke Baier ist seit dem Jahr 2008 Frauenbeauftragte in der Linden-Werkstatt 1 für behinderte Menschen in Leipzig. Sie ist eine der ersten Frauenbeauftragten in Werkstätten in Deutschland.

Weiteres berufliches & gesellschaftliches Engagement
Seit 2017 muss es laut Gesetz Frauen-Beauftragte in jeder Werkstatt geben.
Die Aufgaben der Frauen-Beauftragten sind:
• Der Schutz vor Gewalt an Frauen, die in der Werkstatt arbeiten.
• Gleich-Stellung von Frauen und Männern in der Werkstatt.
• Familie und Arbeit gut zusammenzubringen.
Elke Baier hat viele Frauen beraten.
Sie hat mit ihnen überlegt, wo sie Hilfe holen und was in der Werkstatt verändert werden kann.
Elke Baier hat mit dem Verein „Weibernetz“ Frauen-Beauftragte und deren Unterstützerinnen ausgebildet.
Und sie hat das Netz-Werk „Starke.Frauen.Machen“ in Deutschland mit gegründet.
Seit vielen Jahren setzt sich Elke Baier für die Rechte von behinderten Frauen ein.
Das war ein langer und schwerer Weg.
Und sie hat für Frauen mit Behinderung viel erreicht.
Sie ist auch Prüferin für Leichte Sprache.
Dabei hilft sie Menschen, Texte gut zu verstehen.

Dieser Text ist in Leichter Sprache. Nach den Regeln vom Netzwerk Leichte Sprache. (www.leichte-sprache.org) Leichte Sprache verstehen Menschen mit Lernschwierigkeiten besser. Leichte Sprache hilft auch Menschen, die eine andere Sprache als Mutter-Sprache haben. Und Menschen, die Demenz-krank sind oder gerade sehr aufgeregt.

Der Text ist geprüft von Menschen mit Lern-Behinderung.
Geschrieben hat den Text Sabine Lubetzki. Sie arbeitet in der Bildung zu den Themen Gewalt-Schutz und Rechte von Frauen.

 

Gisela Kallenbach

ist seit den 1980er Jahren bis heute – mit unermüdlichem Engagement für Menschenrechte und Umweltschutz gemeinwesengerichtet aktiv. Gisela Kallenbach, geb. Knauf, geb. 1944, Dipl.-Ing (FH), 3 Kinder und 4 Enkelkinder, aufgewachsen in Naumburg/Saale; wegen Verweigerung der Jugendweihe Ausschluss vom Abitur; nach Abend- und Fernstudium Ingenieurabschluss, zudem Fachtextübersetzerin Englisch. Seit 1962 in Leipzig lebend.

Zu DDR-Zeiten war sie Laborleiterin und Mitarbeiterin in wissenschaftlichen Einrichtungen, vorwiegend der Wasserwirtschaft; von 1990 bis 1994 Persönliche Referentin des Dezernenten für Umwelt, Energie und Sport – und aktiv involviert in Projekte wie Eurocities; war u.a. Mitglied im Umweltkomitee; im Klimabündnis; engagiert für die Sanierung des Karl-Heine-Kanals und die Entwicklung des Leipziger Südraums; für die neue Ufer-Freilegung der Flüsse in Leipzig. 1994 bis 2000 arbeitete sie als Referentin | Persönliche Referentin des Beigeordneten für Umwelt, Ordnung, Wohnen und aktiv als Ideen- und Stichwortgeberin für Grüner Ring, die Lokale Agenda 21. 2000 bis 2003 übernahm sie bei einem Einsatz der UNMIK (UNO-Mission im Kosovo) die Position als Stellvertretende und Internationale Bürgermeisterin in der Stadt Peja/Pec.

Weiteres berufliches & gesellschaftliches Engagement
– 2004 bis 2009 wirkte sie als Mitglied des Europäischen Parlamentes u.a. mit dem Schwerpunkt Stadt- und Regionalentwicklung; zudem war sie Berichterstatterin für die Leipzig Charta und wirkte als Wahlbeobachterin in Südosteuropa.
– 2009 bis 2014 war sie Mitglied des Sächsischen Landtages.
– Seit 1982 engagierte sich Gisela Kallenbach aufgrund der verheerenden Umweltsituation, insbesondere in und um Leipzig „unter dem Dach der Kirche“ in der oppositionellen AG Umweltschutz. Zudem war sie seit 1984 aktive Mitgestalterin der Friedensgebete in der Nikolaikirche – und beteiligt am Konziliaren Prozess 1987-1989 sowie in den 1990er Jahren. Ihr Engagement im Umweltschutz im kirchlichen und beruflichen Umfeld sowie das Eintreten für elementare Menschenrechte führte 1983 zur Eröffnung einer „Operativen Personenkontrolle“ durch das Ministerium für Staatssicherheit der DDR.
– Im November 1989 war sie Mitbegründerin des Umweltverbandes Ökolöwe.
– Im Dezember 1989 wurde sie Beauftragte für Umweltschutz beim Bürgerkomitee Leipzig sowie dessen Stellvertreterin beim Runden Tisch.
– Im Mai 1990 wurde Gisela Kallenbach in die Leipziger Stadtverordnetenversammlung gewählt; Niederlegung des Mandates
März 1991 wegen Arbeitsaufnahme in der Stadtverwaltung.


Sie war und ist aktiv in verschiedenen Vereinen und Organisationen seit 1990:
– 1990 bis ca. 1995 Mitgründerin und Vorstandsmitglied Runder Tisch e. V.
– 1997 Gründungsmitglied Travnik e.V. (heute Städtepartnerschaftsverein)
– 2003 Gründungsmitglied und langjähriges Stiftungsratsmitglied bei Bürger für Leipzig
– 2008 bis heute Vorstandsmitglied im Bildungswerk Sachsen der Deutschen Gesellschaft e. V. sowie Mitglied im gleichnamigen Kuratorium auf Bundesebene
– 2009 Gründungsmitglied der Leipziger Denkmalstiftung, bis 2021 Mitglied im Kuratorium
– 2009 bis 2021 Präsidiumsmitglied, teils Vize-Präsidentin der Europäischen Bewegung Sachsen
– 2010 bis heute Vorsitzende des Vereins Synagoge und Begegnungszentrum Leipzig e. V.
– 2018 Mitinitiierung des „Aufruf 2019“ – für ein welto enes Leipzig; für ein demokratisches Sachsen, für ein friedliches Deutschland. Für ein geeintes Europa.
– 2019 bis heute Mitglied im Kuratorium Tag der Friedlichen Revolution
– Im Jahr 2001 wurde Gisela Kallenbach für ihr kontinuierliches, konsequentes und aktiv gemeinwohlgerichtetes Engagement mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande ausgezeichnet.

 

Gabi Edler

Gabi Edler, geboren am 15.03.1943, gründete im Jahr 2003 den Verein Straßenkinder e.V. und unterstützt damit Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene in krisenhaften Lebensabschnitten. Die ausgebildete Straßenbahnfahrerin engagiert sich seit über 30 Jahren für Menschen ohne Obdach, überwiegend Kinder und Jugendliche.

„Straßenkinder“ sind in dieser Gesellschaft nicht vorgesehen – doch traumatisierende Erlebnisse in der Kindheit, Obdachlosigkeit und Armut sind Faktoren, die sich gegenseitig verstärken – und dazu führen können, dass junge Menschen den „sozialen“ Rückhalt verlieren. Der Verein „Straßenkinder e.V.“ unter dem Motto: „Helfen statt wegschauen“ wurde von Gabi Edler initiiert und gründete sich im Jahr 2003.

Weiteres berufliches & gesellschaftliches Engagement
– Anliegen des Vereins ist es, Jugendliche und junge Erwachsene, die in Obdachlosigkeit leben bzw. von Obdachlosigkeit bedroht sind, zu unterstützen. Durch angebotene Hilfen wird ermöglicht, dass sie Perspektiven entwickeln können – für einen Lebensweg zurück in sicheres Wohnen, Ausbildung und Arbeit. Angeboten werden soziale Beratung, Freizeitgestaltung, Computertraining, Arbeitsprojekte mit dem Ziel der schulischen und beruflichen Wiedereingliederung, aufsuchende und nachgehende Sozialarbeit sowie eine „physische und psychische“ Grundversorgung … anonym, kostenlos und vertraulich.
– Am 10. Oktober 2014 wurde der Leipziger Verein „Straßenkinder e.V.“ mit seiner Initiatorin Gabi Edler – vielen bekannt als „Tante E“ – ausgezeichnet durch die Goldene Henne in der Kategorie Charity. Aber Preise und Anerkennung interessieren Gabi Edler nicht: „Ist scheißegal“, meinte sie. „Dass es immer weitergeht, ist wichtig.“
– Immer wieder hat sich Gabi Edler engagiert und voller Empathie in der Öffentlichkeit für „ihre Kids“ eingesetzt; war oft selbst zu jeder Tages- und Nachtzeit unterwegs; hat Jugendliche vor Ort aufgesucht, mit ihnen geredet, ihnen das Gefühl von Würde und Wichtigkeit und Einzigartigkeit vermittelt. Vielen von ihnen war dies und das Dasein-Können im vertrauten Straßenkinder-Café in der Rosa-Luxemburg-Straße die Brücke, über die sie gehen konnten in einen neuen Lebensabschnitt, der ihnen ein Ankommen in ein selbstbestimmtes Leben wieder ermöglicht(e).


Gabi Edlers Meinung für die Bekämpfung von Armut:
„Mehr Gemeinsinn und weniger Egoismus“.

Bildquelle: https://ahoi-leipzig.de/artikel/der-engel-von-leipzig-202/

 

Tupoka Ogette

Tupoka Ogette, deutsche Antirassismus-Trainerin, Bürgerrechtlerin, sowie Bestseller-Autorin. Sie arbeitet in der rassismuskritischen Bildungsarbeit. Bücher: Exit Racism, Und Jetzt Du.

Tupoka Ogette, deutsche Antirassismus-Trainerin, Bürgerrechtlerin sowie Bestseller-Autorin. Sie arbeitet in der rassismuskritischen Bildungsarbeit. Tupoka Ogette wurde 1980 als Tochter eines tansanischen Studenten der Landwirtschaft und einer deutschen Mathematikstudentin in Leipzig geboren. Sie studierte Deutsch als Fremdsprache an der Universität Leipzig; zudem Magistra Afrikanistik, mit Schwerpunkt Politik und Wirtschaft Afrikas. An der Graduate School of Business in Grenoble, Frankreich, absolvierte Tupoka Ogette von 2007 bis 2009 ihren Master in International Business. Danach übernahm sie an der Université Stendhal in Grenoble die Stelle der Lektorin beim Deutschen Akademischen Austauschdienst. Als Trainerin, Beraterin zu Rassismuskritik und Autorin von „exit RACISM“ setzt sie sich stetig ein für die Gleichstellung von Black, Indigenen und People of Color | BIPOC in unserer Gesellschaft.
Sie zeigt nachdrücklich institutionellen und strukturellen Rassismus im deutschsprachigen Raum auf und regt weiße Menschen an, ihre Privilegien zu erkennen, zu reflektieren und sich aktiv gegen Rassismus zu engagieren.

Weiteres berufliches & gesellschaftliches Engagement
– Für ihre Arbeit wurde Tupoka Ogette 2019 als eine der 25 einflussreichsten Frauen des Jahres vom Magazin Edition F geehrt.
– Tupoka Ogette arbeitet seit 2012 als selbstständige Beraterin, Autorin und Rednerin. Sie lebt und arbeitet in Berlin als Antirassismus-Trainerin und Beraterin für Rassismus-Kritik. Gemeinsam mit ihrem Team gibt sie Workshops zu Rassismus sowohl in Unternehmen und Organisationen,
bietet online Kurse für interessierte Personen bei der Tupokademie an. Über 1.000 Veranstaltungen in Deutschland, der Schweiz und Österreich wurden in den letzten Jahren von ihr durchgeführt und sie gehört inzwischen zu den einflussreichsten Stimmen zu Rassismus-Kritik
in diesen drei Ländern. Als Autorin widmete sie sich erfolgreich diesem Thema.
– Im Jahre 2017 erschien ihr Buch „exit RACISM: rassismuskritisch denken lernen“. Es folgten 2022 die Bücher „Und Jetzt Du. Rassismuskritisch leben“ und „Ein rassismuskritisches Alphabet“ sowie 2023 „Tag für Tag gegen Rassismus. Dein Journal“.
– Von Spiegel Online wurde sie als eine von zehn Frauen in den Bildungskanon aufgenommen.
– Ihre Bücher „exit Racism“ und „Und Jetzt Du“ sind Spiegel Bestseller und wurden in die Lehre an Schulen und Universitäten aufgenommen.
– Ihren Podcast #tupodcast – Gespräche unter Schwestern entwickelte Tupoka Ogette für Gespräche von Schwarzen Frauen* über das Überleben in weißen patriarchalen Mehrheitsgesellschaften und sensibilisiert für die Perspektiven und Erfahrungen afrodeutscher Frauen*.
– Ihr Streben nach einer diversen und gerechteren Gesellschaft – in welcher Menschen nicht aufgrund ihrer Hautfarbe, Herkunft, Religion diskriminiert werden – ist für die Stadt Leipzig relevant – da Leipzig 2015 die Charta der Vielfalt unterzeichnete. Am jährlichen Diversity-Tag veranstalten Firmen, die Universität, Vereine und Initiativen auch in Leipzig Aktionen, um Anerkennung, Wertschätzung und Einbeziehung von Diversity in der Arbeitswelt voranzubringen.


„Sprechen über Rassismus ist wie ein Muskel, den wir als Gesellschaft trainieren müssen.“
(Tupoka Ogette)

 

Susanne Scharff

13 : 18 Querformat

Susanne Scharff, geboren 1964 in Karl-Marx-Stadt, engagierte „Bücherfrau“´und Netzwerkerin. Seit 1990 setzt sie sich ein für Sichtbarkeit von Frauen* und deren Anliegen. Seit 2012 engagiert sie sich als Dozentin und Trainerin für Einfache Sprache mit dem Ziel, immer mehr Menschen zu vermitteln, dass Sprache ausgrenzen kann – und wie es möglich ist, dem entgegenzuwirken.

Susanne Scharff studierte von 1982 bis 1987 Germanistik und Anglistik an der Humboldt-Universität Berlin. In Leipzig lebt sie seit 1987 – und arbeitete hier bis zur Geburt des zweiten Kindes 1990 als Dipl.-Pädagogin |Lehrerin für Deutsch und Englisch an einer Leipziger Oberschule. Mit der Wende beginnt Susanne Scharff sich in der Frauenbewegung zu
engagieren. Bekannt wurde sie vor allem durch die Leipziger Frauenbibliothek im Süden der Stadt, in Connewitz. Sie gründete mit Unterstützung anderer aktiver Frauen im Februar 1990 die erste Frauenbibliothek in den „Neuen Bundesländern“. Sie betreute dieses frauen- und gleichstellungspolitische Projekt, das aus den Aktivitäten der Fraueninitiative Leipzig heraus entstanden war, bis Juli 1991 rein ehrenamtlich.

Es gibt so viele Geschichten aus dieser Zeit… z.B. die, wie C. H. in die Fraueninitiative stürzte mit der Nachricht: „Meine Güte, die räumen die Bibliotheken aus und schmeißen alle Bücher weg, komm mit!“ Wir rasten in die Leipziger Baumwollspinnerei. Dort retteten wir wäschekörbeweise, per pedes und mit der Straßenbahn, Bücher vor der Müllhalde: Lektüre von Christa Wolf, Irmtraud Morgner, Maxi Wander, all die Werke, die wir kannten und liebten. Sie wurden neben den gespendeten Büchern aus dem Westen der Grundstock der Frauenbibliothek. Wir ackerten, bis das erste Regal zusammenbrach… Und so kam es, dass bereits nach kurzer Zeit einer der drei Räume der Fraueninitiative eine Bibliothek für Frauen war.

Weiteres berufliches & gesellschaftliches Engagement
Für ihre Aufbauarbeit und ihren Einsatz zur Rettung der zwischenzeitlich existenzgefährdeten Frauenbibliothek MONAliesA wurde sie 1997 auf der Frankfurter Buchmesse als „BücherFrau des Jahres“ ausgezeichnet durch die deutsche Sektion des Netzwerkes Women in Publishing (Oberbürgermeister Leipzigs und Gleichstellungsbeauftragte Leipzigs besuchten den Festakt und gratulierten).
– Seit 1991 finden in der Frauenbibliothek regelmäßig Lesungen, Vorträge und Diskussionen statt.
– 1992 erhielt die Bibliothek den Namen MONAliesA.
– 1993 und 2000 Organisation der 20. und der 34. Fachtagung deutschsprachiger Frauenbibliotheken und Archive in Leipzig [i.d.a.] erstmals in den „Neuen Bundesländern“.
– Seit 1995: gute Vernetzungsarbeit u.a. in der Leipziger AG Frauenprojekte.
– Mitte der 1990er Jahre: Um Bildung zu mehr Geschlechtergerechtigkeit „auf den Weg zu bringen“, begann u.a. der Aufbau der Mädchenarbeit in der MONAliesA.
– 1997 Gründung des gemeinnützigen Vereins MONAliesA e.V. Leipzig
„MONAliesA – das ist Bibliothek zum Anfassen und Mitmachen“, so Susanne Scharff.
– Bis Dezember 2004: engagierte Leiterin & Geschäftsführerin der Frauenbibliothek MONAliesA.
– 2005 gründete sie einen eigenen Laden in der Leipziger Innenstadt. Als Inhaberin des Geschäftes „Frau Scharff – Feines für den Alltag“ trug sie zur Aufwertung des Leipziger Stadtzentrums bei. Vom Fachmagazin „stil & markt“ im Oktober 2008 als Fachgeschäft ausgezeichnet.
– Von Januar 2012 bis heute: Dozentin für Textoptimierung & Trainerin für Einfache Sprache des „Institut für Textoptimierung Halle“, u.a. deutschlandweite Seminare mit dem Ziel, dass alle Azubis mit sprachlichen Nachteilen Berufsabschluss-Prüfungen verstehen und ihr Wissen gleichberechtigt nachweisen können.

Seit 2012 bzw. 2013 parallel zwei Selbständigkeiten:
– Kunsthandwerkerin (als solche ausgezeichnet worden, Prestel-Verlag, Frankfurter Buchmesse 2020)
– Systemische Beraterin für Führungskräfte Leipziger Firmen und anderer Städte, wie z. B. München

 

 

Godula Kosack

 
Prof. Dr. Godula Kosack, geboren 1944 in Mühlhausen, ist Soziologin und Ethnologin. Sie setzt sich seit Jahrzehnten national und international ein für die Gleichstellung der Geschlechter – sowie gegen Gewalt an Frauen* und Mädchen*. Seit 1992/93 lebt sie in Leipzig. 
Godula Kosack ist in zahlreichen zivilgesellschaftlichen Vereinen aktiv wie bspw. in der Deutsch-Afrikanischen Gesellschaft e.V. (DAFRIG). Dort leitete sie viele Jahre mit einer Partner:innen-Organisation in Kamerun das Projekt „Selbstbestimmung durch Bildung“, welches Mädchen unterschiedlicher Altersgruppen vor Ort eine Schul- und Ausbildung ermöglicht. Im Namen der DAFRIG war sie selbst 2023 noch in Kamerun unterwegs, um Projekte zu besuchen, die der Verein unterstützt.

Weiteres berufliches & gesellschaftliches Engagement
– Seit 1981 forscht sie bei den Mafa in Nordkamerun; seit 2000 temporär in Georgien zu Alltag und Lebenswirklichkeiten besonders von Frauen – und publizierte dazu in Filmen und Büchern.
– Godula Kosack war Gründungsmitglied und Vorstandsvorsitzende des Interkulturellen Zentrums e.V. und im Jahr 1993 Gründungsmitglied der Leipziger Louise-Otto-Peters-Gesellschaft e.V.
– 2013 bis 2023 war sie im Vorstand der Frauenorganisation Terre des Femmes – Menschenrechte für die Frau e.V., welche seit 2001 den Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen (25.11.) initiiert. Unermüdlich weist sie dort auf Menschenrechtsverletzungen von Frauen und Mädchen hin, auch mit Publikation und Vorträgen.
– Godula Kosack schafft(e) für Themen wie weibliche Genitalverstümmelung, Frauenhandel, Zwangsheirat und sexualisierte Gewalt eine Öffentlichkeit, die notwendig ist, um dies zu bekämpfen.
– Das breite zivilgesellschaftliche Engagement Godula Kosacks gegen Gewalt an Frauen, für Bildungsgerechtigkeit und für Selbstbestimmungsrechte von Frauen wirkt in die Leipziger Stadtgesellschaft hinein und darüber hinaus. Sie bleibt nicht in privilegierten westlich geprägten Kreisen, sondern engagiert sich weltweit.
– Im Jahr 2021 erhielt Godula Kosack für ihr jahrzehntelanges Grenzen
überschreitendes humanistisches Engagement den Bundesverdienstorden;
verliehen vom sächsischen Ministerpräsident Michael Kretschmer.

 

Prof. Dr. Beate A. Schücking

geboren 1956 in Kassel; studierte Medizin in Ulm; promovierte nach Forschungsaufenthalten in New York und Paris 1980 an der Universität Ulm. Prof. Dr. Beate Schücking war die erste Rektorin der Leipziger Universität in über 600 Jahren. Sie ist ein vielfältig engagierter Mensch in unterschiedlichen gesellschaftlichen Zusammenhängen – und setzt sich klar positioniert ein u.a. für die Verbesserung der Lebenssituation von Frauen*.
Sie arbeitete als Assistenzärztin (Biberach/ Universitätsklinik  Marburg), absolvierte ein Philosophiestudium sowie eine Ausbildung als Psychotherapeutin.
1989 als Professorin für Medizin an den Fachbereich Sozialwesen der Fachhochschule München berufen, arbeitete sie u.a. zur Selbstbestimmung der Frau in der Geburtshilfe, engagierte sich als Senats-Frauenbeauftragte der Hochschule und war 1990 – 1995 ehrenamtliche Landessprecherin der Frauenbeauftragten an bayrischen Hochschulen. 1993 gründete sie zusammen mit 14 Kolleginnen den Arbeitskreis Frauengesundheit in Medizin, Psychotherapie und Gesellschaft e.V. – dem heute größten Zusammenschluss unabhängiger Frauengesundheitsorganisationen im deutschsprachigen Raum.

Weiteres berufliches & gesellschaftliches Engagement
– 1995 erhielt sie an der Universität Osnabrück eine Professur (FB Humanwissenschaften). Sie wurde Mitglied im akademischen Senat; Prodekanin, Studiendekanin, übernahm den Vorsitz der Ethikkommission.
– Ab 2000 war sie Dekanin des Fachbereichs.
– 2005 – 2009 erste weibliche Vizepräsidentin für Forschung und Nachwuchsförderung. Zudem baute sie an der Universität Osnabrück den Forschungsschwerpunkt Maternal & Child Health auf, der wesentlich
zur Akademisierung des Hebammenwesens beitrug und war Antragstellerin des DFG-Graduiertenkollegs „Integrative Kompetenzen“.
– Ihre international vergleichende Forschung zur Geburtshilfe begründete u.a. den Aufbau eines internationalen, EU-geförderten COST-Netzwerks Research for Birth (2010–2014).
– 2010 bewarb sie sich erfolgreich als Rektorin der Universität Leipzig und trat am 01. 03.2011 ihr Amt an – als erste Frau seit Gründung der Universität im Jahre 1409. Ihre zweite Amtszeit endete Ende März 2022;
eine dritte war nach Sächsischem Hochschulfreiheitsgesetz nicht möglich.
Die zuvor unterdurchschnittliche Frauenquote bei den Professuren stieg während ihrer Amtszeit auf mehr als 27%. Zudem unterstützte sie eine symbolische Sprachreform an der Universität Leipzig, nach der [in
der Schriftsprache] das generische Maskulinum hinter das generische Femininum zurücktreten sollte – da die Mehrheit der Studierenden weiblich ist, auch die Anzahl weiblicher Dozent:innen zunehmen sollte.
Es gehöre zur Tradition der Hochschule, Grenzen zu überschreiten und provokant auf Probleme hinzuweisen. Und bis Frauen in der Wissenschaft gleichgestellt seien, ist es noch ein weiter Weg.“
In ihre Amtszeit fallen Meilensteine der jüngeren Universitätsgeschichte wie die Einwerbung des Forschungszentrums Biodiversität. Dank ihres Engagements wurde die Universität Mitglied der German U15 (forschungsstarke deutsche Universitäten). Sie kämpfte erfolgreich gegen den Stellenabbau und für das Exzellenzprofil der Universität. Bildungsgerechtigkeit und Gleichstellung sind ihr ebenso wichtig wie Teamgeist und gegenseitige Achtung.
– Bereits 2014 eröffnete sie in Leipzig einen öffentlichen Diskurs über Willkommenskultur, Meinungsfreiheit und Gewaltbereitschaft u.a. durch die Einrichtung der öffentlichen „Donnerstagsdiskurse“. Zudem
eröffnete sie als Teil des neuen universitären Hauptgebäudes erfolgreich das „Paulinum – Aula und Universitätskirche St. Pauli“ als Simultaneum.
– Nach Beendigung ihrer Tätigkeit als Rektorin stellte sie ihr Engagement für Studierende in den Dienst der Dachorganisation der Finanzierung, Wohnen, Essen und soziale Belange organisierenden deutschen Studierendenwerke (DSW).
– Im Dezember 2022 wurde sie zur ersten Präsidentin des DSW gewählt,
das bis dahin auf eine 101-jährige Geschichte ohne Frauen an der Spitze zurückblickte.

 

Ulrike Bran

Ulrike Bran, geboren am 18. April 1964 in Halle/Saale; nach POS und EOS legte sie 1982 ihr Abitur ab. Bereits ab den letzten Schuljahren besuchte sie viele Veranstaltungen der Friedensbewegung „Schwerter-zu-Pflugscharen“.
Unter dem Dach der Kirche fand sie Gleichgesinnte. Nach dem Abitur wollte sie Medizin studieren. Wegen ihrer öffentlich bekannten gesellschaftspolitisch kritischen Positionen wurde sie zum Medizinstudium nicht zugelassen.

Sie absolvierte ihr verpflichtendes praktisches Jahr im VEB Halloren; legte die Prüfung als Süßwarenfacharbeiterin ab. In Dresden studierte sie an der Technischen Universität Lebensmitteltechnik; jobbte in der „Scheune“; reiste in den Ferien durch die „sozialistischen Bruderländer“, um sich ein eigenes Bild von deren Verfasstheit zu machen. Nach erfolgreichem Studien-Abschluss zog sie 1988 nach Leipzig – eine Stadt, die ihr mit ihrer Vielfalt, Lebendigkeit und ihren positiven Veränderungswillen Kraft und Mut gab und bis heute gibt. Als Ingenieurin im VEB Forschung & Rationalisierung Leipzig begann sie in der Meisterfachbildung zu unterrichten. Wenige Monate nach der „Wende“ wurde der Betrieb abgewickelt.

Weiteres berufliches & gesellschaftliches Engagement
– Der gesellschaftliche Umbruch bot Ulrike Bran die beru iche Chance, in den sozialen Bereich zu wechseln, in welchen sie schon immer gewollt hatte: Arbeit mit/und für Menschen. Sie absolvierte die Ausbildung zur
sozialpädagogischen Fachkraft; engagierte sich in dieser Zeit vielfältig ehrenamtlich z.B. beim Flüchtlingsrat Leipzig u.a. im Projekt „Selbstbestimmtes Frauenleben im Asyl“ bei der Mittelamerika-Initiative Leipzig; beim Eine Welt e.V. sowie bei der Leipziger Regionalgruppe von Amnesty International.
– 1993 begann sie im Referat für Migration und Integration zu arbeiten (damals Referat Ausländerbeauftragter). Ihr jetzt hauptberuflich relevantester Fokus: Verbesserung der Lebensbedingungen von Migrant:innen in Leipzig – im Kontext der Einzelfallberatung als auch in der Netzwerkarbeit; berufsbegleitend schloss sie ihr Studium der Sozialen Arbeit ab.
– In den 1990er Jahren engagierte sich Ulrike Bran für die Verbesserung der Lebensbedingungen von Sinti & Roma; ein Konzept für deren Unterbringung und Betreuung fehlte damals; jedoch existierten – medial verstärkt – sehr weit verbreitete Vorurteile und Anti-Romaismus in vielen Bereichen. In Ulrike Bran fanden Sinti-& Roma-Aktivist:innen eine engagierte Unterstützerin in der Stadtverwaltung.
– Auf Initiative bzw. durch das kontinuierliche Engagement von Ulrike Bran konnte die Einrichtung des städtischen Sprach- und Integrationsmittlerdienstes SprInt in Leipzig etabliert werden. Ebenso, dass
die Nutzung von Sprach- und Integrationsmittlung für die Verständigung zwischen Klient:innen und städtischen Einrichtungen 2012 im ersten Gesamtkonzept zur Integration Leipziger Migrant:innen festgeschrieben
wurde.
– Weiter setzte sich Ulrike Bran insbesondere dafür ein, dass die Teilhabemöglichkeiten von Migrant:innen in den Bereichen Bildung, Ausbildung und Arbeit verbessert werden. In ihrer Funktion als städtische
Mitarbeiterin – und darüber hinaus – agiert Ulrike Bran konstant und zielgerichtet für wechselseitige respektvolle Integrationsprozesse in Leipzig. Zum Beispiel leitet sie seit 2013 die AG Ausbildung und
Arbeit von Migrant:innen, die sich für die verbesserte berufliche Integration von Migrant:innen in Leipzig einsetzt – und als eines der wichtigsten Netzwerke im Fachbereich gilt. Ulrike Bran ist der festen Überzeugung, dass alle Menschen durch Geburt gleich an Würde und Rechten sein soll(t)en. Mit ihrer unerschöpflichen Energie und Lebensfreude, voller Tatendrang und vor allem Diplomatie setzt sich Ulrike Bran seit über dreißig Jahren haupt- wie ehrenamtlich für dieses Ziel ein.
Ihr gelang und gelingt es immer wieder, verschiedene für das Leipziger Integrationsgeschehen wichtige Akteur:innen zusammenzubringen, gemeinsame Ziele herauszuarbeiten und die Beteiligten dazu zu motivieren, Bündniskonzepte zu entwickeln. Wesentliche Fortschritte in der Leipziger Integrationsarbeit sind mit auf ihr Engagement zurückzuführen.

 

Dr. med Ulrike Böhm

Ulrike Böhm wurde 1964 in Leipzig geboren und ist auch hier aufgewachsen. Sie wollte schon immer Ärztin werden, durfte aber in der DDR aus politischen Gründen nicht studieren. Nach Abschluss ihrer Ausbildung arbeitete sie daher zunächst als Röntgenassistentin. In der Zeit ihrer Familiengründung 1989 – das erste von drei Kindern war zur Welt gekommen – gingen Tausende für eine Revolution auf die Straße. Mit den gesellschaftlichen Veränderungen ergaben sich neue berufliche Chancen – und Ulrike Böhm erhielt die Möglichkeit, sich in Leipzig zum Medizinstudium einzuschreiben.

Nach dem Studium gelangte sie eher zufällig, wie sie heute sagt, in das Fachgebiet Rechtsmedizin. Unterstützt und gefördert vom damaligen Direktor des Leipziger Universitätsinstitutes für Gerichtliche Medizin etablierte sie in den frühen 2000er Jahren in diesem Institut die erste Gewaltopferambulanz zur medizinischen Untersuchung und zur Dokumentation von Verletzungen von Betro enen von häuslicher Gewalt. Wissenschaftlich beschäftigte sie sich in dieser Zeit mit der Auswertung von Fällen tödlich misshandelter und vernachlässigter Kinder vor dem Hintergrund des jeweiligen sozialen und gesellschaftlichen Rahmens.

Weiteres berufliches & gesellschaftliches Engagement
– Ab 2008 arbeitete sie in eigener Praxis und war an der Organisation und dem Betrieb einer weiteren Gewaltschutzambulanz beteiligt, die zunächst ab 2012 an der Leipziger „Koordinierungs- und Interventionsstelle gegen Stalking und häusliche Gewalt (KIS)“ beim „Frauen für Frauen e.V. Leipzig“ angesiedelt war. Das seinerzeit sachsenweit einmalige Projekt ermöglicht
frühzeitige, anonyme und vertrauliche medizinische Versorgung und Beweissicherung.
– Im Jahr 2019 gründete Ulrike Böhm mit zwei ebenfalls im Gewaltschutz tätigen Leipzigerinnen den Verein „BELLIS e.V.“, bei dem die genannte Gewaltschutzambulanz jetzt anhängig ist. „BELLIS e.V.“ ist der Trägerverein des Modellprojektes „Medizinische Soforthilfe nach Vergewaltigung und häuslicher Gewalt“. Ziel dieses Modellprojektes ist es unter anderem, alle
Ärztinnen und Ärzte in Leipzig, den umliegenden Landkreisen und bald in ganz Sachsen zu befähigen, Menschen, vor allem Frauen, die von häuslicher und/oder sexualisierter Gewalt betroffen sind, die medizinische Hilfe zuteilwerden zu lassen, die sie benötigen. Ihre rechtsmedizinische
Expertise in Bezug auf die Dokumentation und die vertrauliche Spurensicherung vermittelt Ulrike Böhm nun ihren ärztlichen Kolleg:innen in entsprechenden Schulungen.
– Ulrike Böhm ist darüber hinaus Mitbegründerin und Vorstandsmitglied des 2018 in Leipzig gegründeten Vereins „Hilfe gegen Gewalt in der P ege e.V.“
Auszeichnungen:
– Engagementpreis des Sächsischen Landesfrauenrates im Jahr 2018
– Verdienstorden des Freistaates Sachsen 2021

„Leipzig ist die Stadt der Friedlichen Revolution, hier konnte gezeigt werden,
dass auch große Veränderungen gewaltfrei durchgesetzt werden können.
Was im Großen gelingt, muss auch im Kleinen möglich sein:
in der Familie, in der Partnerschaft, gegenüber unseren Kindern.
Dafür werde ich mich einsetzen, solange ich lebe.
(Ulrike Böhm)

 

Franziska Deutschmann

Franziska Deutschmann, geboren 1985 in Dresden; seit dem Jahr 2005 wohnhaft in Leipzig; ihr Studium an der Universität Leipzig schloss sie 2015 mit dem 2. Staatsexamen Lehramt Gymnasium ab, in den Fächern: Geschichte, Latein, Italienisch. Franziska Deutschmann gehört zu den sehr aktiven, konsequent feministischen Aktivistinnen* – die sowohl beruflich als auch ehrenamtlich positioniert in verschiedenen Gesellschaftsbereichen verlässlich und verantwortlich handelt.

Seit August 2015 ist sie Gymnasiallehrerin für Geschichte und Latein; seit August 2016 an der Louise-Otto-Peters-Schule, Gymnasium der Stadt Leipzig, Connewitz; dort Fachkonferenzleiterin Geschichte. Seit August 2023 teilabgeordnet als Fachausbildungsleiterin Geschichte an das Landesamt für Schule und Bildung, Standort Leipzig – Tätigkeit: Ausbildung von Referendar:innen in Geschichte, Abnahme des 2. Staatsexamens.

Weiteres berufliches & gesellschaftliches Engagement
– Seit Oktober 2020 ist Franziska Deutschmann im Vorstand der Louise-Otto-Peters-Gesellschaft.
– Seit 2022 Projektleiterin des fem/pulse-Projektes; wurde sie 2023 vom Jubiläumsnetzwerk 175 Jahre Revolution 1848/49 ausgezeichnet.
– 2022/23 Erarbeitung von Bildungsmaterialien zum Thema politische Partizipation von Frauen im langen 19. Jahrhundert für das Digitale Deutsche Frauenarchiv (DDF), Erscheinung: Oktober 2023.
– 2023 Mitarbeit an einer demokratiepädagogischen Handreichung des Jubiläumsnetzwerkes 175 Jahre Revolution 1848/49 als Fachdidaktikerin.
– Seit Oktober 2023 Dozentin an der Universität Leipzig (mit 2 SWS im WS 2023/24): Übernahme eines Praxisseminars der Fachdidaktik Geschichte (Methodik) mit dem Schwerpunkt Geschlechter- und Frauengeschichte
– Seit Oktober 2023: Sitz im Kuratorium des Robert-Blum-Demokratiepreises der Stadt Leipzig, seit November 2023: eines von 12 Mitgliedern im Beirat der Stiftung der Orte der deutschen Demokratiegeschichte (angebunden an BKM)
Franziska Deutschmann agiert u.a. auch als
• eine von zwei Sprecherinnen der AG Frauenprojekte Leipzigs (Gremium von allen feministischen Vereinen Leipzigs)
• Mitorganisatorin des Leipziger Frauen*FLINTA-Festivals
• stellvertretende Sprecherin/Akteurin der AG Frauenprojekte im Gleichstellungsbeirat der Stadt Leipzig
• eine der beiden verantwortlichen Vertreterinnen/Entwicklerinnen des Offenen feministischen Demokratiearchivs im Akteurskreis des neu zu entwickelnden „Forums für Freiheit und Bürgerrechte/ Demokratiecampus“ (AT) in Leipzig; Mitglied der AG Orte der Demokratiegeschichte „… aufzuklären, um die Erinnerungskultur zu erweitern und Frauen*
in der Geschichte sichtbar(er) zu machen.“ (Franziska Deutschmann 2020)

 


Ebenso hätten die Ehrenbürger:innen-Würde verdient:

 

Prof.in Dr.in phil. habil. Eva Lips

Lips, Eva Elisabeth (geborene Wiegandt) - Stadt Leipzig

Eva Lips (geboren am 6. Februar 1906 in Leipzig; gestorben am 24. Juni 1988 in Leipzig) war Ethnologin und die zweite Frau mit einer ordentlichen Professur an der Universität Leipzig.  1906 in Leipzig geboren, studierte sie ab 1928 Völkerkunde in Köln, Bonn, Paris und New York.

Weiteres berufliches & gesellschaftliches Engagement: 
– Bis 1948 arbeitete Eva Lips als engste Wissenschaftsmitarbeiterin von Julius Lips an verschiedenen Universitäten und Colleges in New York und Washington und hielt ebenso Vorlesungen. In dieser Zeit forschten beide zusammen intensiv zu native american Nordamerikas.
– Sie unternahmen in diesem Kontext ausgedehnte Feldforschungsaufenthalte und eine Weltreise. Eva Lips und ihr Mann wirkten außerdem mit großem Engagement im antifaschistischen Widerstand und knüpften enge Kontakte zu anderen Emigranten (u. a. Heinrich Mann und Thomas Mann, Albert Einstein).
– 1948 kehrten Eva und Julius Lips nach Leipzig zurück, wo Julius Lips die Geschäftsleitung des Instituts für Ethnologie an der Universität Leipzig übernahm.
– Nach seinem Tod 1950 wurde diese Aufgabe Eva Lips übertragen. Eva Lips führte hier ihre eigene wissenschaftliche Karriere fort, promovierte und habilitierte zum Ojibwa-Stamm in Nordamerika.
– 1960 folgte schließlich ihre Berufung zur Professorin mit vollem Lehrauftrag, 1966 zur Professorin mit Lehrstuhl.
– Neben ihrer wissenschaftlichen Tätigkeit engagierte sich Eva Lips positioniert und beharrlich, das vorherrschende klischeehafte Bild der „Ureinwohner:innen“ zu korrigieren. So schrieb Eva Lips zahlreiche
populärwissenschaftliche Bücher über native americans.
– Mit ihren Veröffentlichungen, in denen sie unter anderem für Maßnahmen zum Erhalt des Weltkulturerbes plädierte oder gegen den vorherrschenden Eurozentrismus intervenierte, wurde sie international bekannt.
– 1987 wurde Eva Lips die Ehrenmitgliedschaft der Deutschen Gesellschaft für Völkerkunde verliehen.
– Am 24. Juni 1988 starb Eva Lips im Alter von 82 Jahren.
– Gemeinsam mit ihrem Mann Julius Lips beschäftigte sich Eva Lips wissenschaftlich vor allem mit der Erforschung der Menschen, die zuerst in Nordamerika lebten.
– Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurden die Wissenschaftler:innen Eva Lips und Julius Lips aufgrund ihrer Positionierung gegen den unverhüllten Rassismus in der Völkerkunde politisch verfolgt.
-Sie emigrierten 1934, nachdem ihnen die Staatsbürgerschaft aberkannt wurde, über Frankreich nach New York.

(Bildquelle: Prof. Dr. phil. habil. Eva Lips,  Universitätsarchiv Leipzig; mehr unter: https://www.leipzig.de/jugend-familie-und-soziales/frauen/1000-jahre-leipzig-100-frauenportraets/detailseite-frauenportraets/projekt/lips-eva-elisabeth-geborene-wiegandt)

 

Gerda Viecenz

Porträtfoto von Gerda Viecenz

Gerda Viecenz, geboren am 29. März 1944 in Oppeln (heute: Opole/Polen). In Dresden absolvierte Gerda Fuchs eine Ausbildung zur Kinderkrankenschwester. Nach kurzer Tätigkeit in diesem Beruf heiratete sie 1965 den Bildhauer Herbert Viecenz; sie bekamen zwei Söhne und zogen nach Leipzig. Gerda Viecenz war eine wichtige Förderin der Bildenden Kunst in der Stadt Leipzig. 

Seit dem Jahr 1982 war sie im Leipziger Büro des Verbandes Bildender Künstler tätig. Dort kümmerte sie sich vor allem in der Sozialkommission um bessere Wohn- und Arbeitsbedingungen für die Künstler:innen. Ihr von starkem Gerechtigkeitsgefühl geprägtes Handeln führte sie Ende der 1980er- Jahre zur Politik. Sie war positioniertes Mitglied des Neuen Forums Leipzig, als dessen Geschäftsführerin (Neues Forum Sachsen) sie sich bis ins Jahr 1994 ehrenamtlich engagierte.

Weiteres berufliches & gesellschaftliches Engagement
– 1991: Zweite Vorsitzende der IG Medien im Bezirksvorstand Leipzig, später im Vorstand von ver.di Sachsen
– 1994 bis 1996: sächsische Landessprecherin für Bündnis 90/Die Grünen
– 1995: (Mit)Begründerin des art Kapella Schkeuditz e.V.
– Von 1997 – 2005: führte sie das ziemlich einmalige Leipziger Kunstkaufhaus in Leipzig. „Im Kunstkaufhaus stellten unter anderem Elfriede Ducke, Tatjana Petkowa, Christel Blume-Benzler, Ute Hartwig-Schulz, Sigrid Schmidt und Christa Jahr aus. Gerda Viecenz unterstützte die Ausstattung von Büro- und Praxisräumen mit originalen Kunstwerken, die im Kunstkaufhaus auch entliehen werden konnten.“
– Zwischen 1992 bis 2001 war sie zudem ehrenamtliche Richterin am Landgericht Leipzig.
– Auch für den Erhalt von Kulturdenkmälern setzte sie sich ein. So gehörte sie 1996 zur IG Löffelfamilie, die den Erhalt dieser so benannten historischen, unter Denkmalschutz stehenden Lichtreklame auf dem Gelände des ehemaligen VEB Feinkost Leipzig in der Karl-Liebknecht-Straße 36 ermöglichte.
– In Anerkennung ihrer Leistungen wurde Gerda Viecenz 2004 mit dem Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland geehrt.

(Bildquelle: Gerda Viecenz, 2004, Foto von Armin Kühne; mehr unter:  https://www.leipzig.de/jugend-familie-und-soziales/frauen/1000-jahre-leipzig-100-frauenportraets/detailseite-frauenportraets/projekt/viecenz-gerda-geborene-fuchs)

 

Susanna Eger

Susanna Eger (geboren 1640 in Leipzig; gestorben 1713 in Leipzig) wurde 1706 bekannt als Verfasserin des „Leipziger Kochbuchs„. Als Witwe mit vier Kindern erwirtschaftete sie ihren Lebensunterhalt durch Kochen selbst. Susanna Eger repräsentiert die Herausforderungen, mit denen verwitwete Frauen im 17. Jahrhundert konfrontiert wurden.
Sie wurde während des Dreißigjährigen Krieges geboren, erlebte die Besetzung Leipzigs durch die Schweden – und auch die Wiederbelebung des geschäftlichen und gewerblichen Lebens in der Stadt. Ihr Ehemann, ein Unternehmer im mittelständischen Bereich, verstarb früh.
Die Egerin war „Küchenkundige und Kochweib“ in wohlhabenden Haushalten – bekannt für das Zubereiten von Festmahlzeiten. Durch die Veröffentlichung ihrer Rezepte konnte sie ein zusätzliches Einkommen erzielen. Obwohl sie als Witwe dem Bürgertum angehörte, zählte sie nicht zu den Wohlhabenden.

Weiteres berufliches & gesellschaftliches Engagement
– Ihr Kochbuch offenbart auch ihre sparsame Haushaltsführung. Ihr „Leipziger Kochbuch“ ist eine Zusammenstellung von etwa 900 anspruchsvollen Kochrezepten; veröffentlicht erstmals im Jahr 1706.
– Neben den Rezepten enthält es Hinweise zur Herstellung von Wein und Bier, präzise Mengenangaben sowie Umrechnungstabellen für Münzen und Gewichte. Das Buch war so beliebt, dass es in den Jahren 1712 und 1745 umfassend erweitert wurde.
– Ihr Name wurde 2005 durch Beschluss der Stadtverordnetenversammlung der Stadt Leipzig an das Berufliche Schulzentrum 10 der Stadt Leipzig verliehen, in der seit 1955 Betriebswirt:innen für Hotel- und Gaststättengewerbe fortgebildet werden.
– Der Internationale Kochkunst-Verein zu Leipzig 1884 e.V. ist der drittälteste aktive deutsche Verein für Köchinnen und Köche. Seit 1990 richtet dieser Verein in Kooperation mit der Susanna-Eger-Schule jährlich einen Wettbewerb für Auszubildende im Kochberuf aus, um den Susanna-Eger-Pokal zu verleihen.
Im 20./21. Jahrhundert wird die berufliche Branche der Köch:innen in Leitung und medialer Wahrnehmung  in Westeuropa mehrheitlich von Männern dominiert. Um darauf hinzuweisen, dass Frauen in diesem Bereich seit Jahrhunderten ebenbürtige Arbeit leisten – und auch, um auf ungerechte Geschlechter-Verteilung im Bereich unbezahlter Care-Arbeit aufmerksam zu machen, verdient Susanne Eger die Auszeichnung der Ehrenbürger:innen-Würde der Stadt Leipzig.
https://www.leipzig.de/jugend-familie-und-soziales/frauen/1000-jahre-leipzig-100-frauenportraets/detailseite-frauenportraets/projekt/eger-susanna-geborene-born

undefined

Vor diejenigen, welche schon zu einer Vollkommenheit im Kochen gelanget sind, habe ich diese Bogen nicht so aufgesetzet, sondern denen Anfängern zu Liebe zusammen getragen. Doch können auch die ersten vielleicht etwas finden, das ihnen nicht gantz unangenehm ist.“
Zitat: Susanna Eger, Vorwort zum „Leipziger Koch-Buch, welches lehret, was man auf seinen täglichen Tisch, bey Gastereyen und Hochzeiten, gutes und delicates auftragen (…), Verlag Jacob Schuster, Leipzig 1706.

(Bildquelle: Susanna Eger: Leipziger Koch-Buch, Jacob Schuster, Leipzig 1745.)

 

Dr. Ruth Pfau

Pakistan, Karachi, Dr. Ruth Pfau, MALC.

Ruth Pfau wurde am 9. September 1929 in Leipzig geboren, gestorben am 10. August 2017 in Karachi/Pakistan. Dr. Ruth Pfau war eine erfolgreiche Ärztin, hochbegabte Medizinstrategin, katholische Ordensfrau und Autorin. Sie wuchs mit fünf Geschwistern auf. Ihre Kindheit wurde überschattet vom Nationalsozialismus und dem Zweiten Weltkrieg.

Ihr kleiner Bruder erkrankte kurz nach Kriegsende und starb, weil es weder Medizin noch ärztliche Hilfe für ihn gab. Dieses Erleben bestärkte sie in ihrem Wunsch, Ärztin zu werden. Sie studierte Medizin… und fand zum christlichen Glauben.

1951 ließ sie sich taufen; 1953 konvertierte sie zur römisch-katholischen
Kirche und trat 1957 dem weltweit aktiven Frauenorden FCM (Filles du Coeur de Marie) bei. Die Mitglieder tragen keine Ordenskleidung und leben nicht in Klausur. Mitten unter den Menschen üben sie ihre Berufe aus, hauptsächlich in den Bereichen Gesundheit, Soziales und Erziehung.

Weiteres berufliches & gesellschaftliches Engagement
– Nach internistischer und gynäkologischer Fachausbildung wurde Ruth Pfau 1960 von ihrem Orden als Frauenärztin nach Indien entsandt. Zufällig landete sie durch einen unfreiwilligen Zwischenstopp im pakistanischen Karachi. In den Slums der Stadt traf sie auf Leprakranke. Die menschenunwürdigen Lebensbedingungen der aussätzigen Bettler:innen ließen sie bleiben. Ihre Fürsorge galt fortan den Ärmsten der Armen. Dr. Ruth Pfau packte an und behandelte unter primitiven Bedingungen Massen von Patient:innen, bis zur eigenen Erschöpfung. Und sie begann, die medizinische Versorgung dieser Menschen strategisch zu organisieren.
– Bereits 1962 konnte sie das Hospital MALC errichten. Ihr Lepra-Programm wurde von dort aus systematisch auf ganz Pakistan ausgedehnt bis in unwegsame Bergregionen. Die pakistanische Regierung ernannte sie zur Beraterin des pakistanischen Gesundheitswesens im Range einer Staatssekretärin.
– Noch heute arbeitet das staatlich anerkannte Lepra-Referenzhospital, baut Kapazität und Kompetenzen kontinuierlich aus – wie auch zahlreiche Maßnahmen zur Armutsbekämpfung.
– Mehr als 50.000 an Lepra erkrankte Menschen verdanken ihre Heilung dem Wirken von Dr. Ruth Pfau. Die Zahl der Neuerkrankungen in Pakistan sank infolge des sehr engmaschigen Kontrollsystems kontinuierlich. Die WHO erklärte Pakistan 1996 zum ersten Land Südasiens, in dem Lepra
unter Kontrolle ist.
– 1996 wurde von der DAHW die Ruth-Pfau-Stiftung gegründet – zur langfristigen Sicherung der von Ruth Pfau begonnenen ganzheitlichen Programme zur Armutsbekämpfung in Pakistan.
– Dr. Ruth Pfau folgte immer wieder auch Einladungen zu Vorträgen nach Deutschland und hielt ihre Erlebnisse in mehreren Büchern fest. Das Wort Ruhestand war ihr fremd. Bis ins hohe Alter brachte sie sich aktiv in die Arbeit ihres pakistanischen Teams ein. Lebenslang zeichnete sie sich auch
durch ihre praktische Friedens- und Menschenrechtsarbeit aus – eine weltweit hoch angesehene Brückenbauerin zwischen Kulturen und Religionen.
– In Leipzig wurde 2010 u.a. das BSZ 9 – das Berufliche Schulzentrum für Gesundheit und Soziales der Stadt Leipzig – in Ruth-Pfau-Schule umbenannt.

„Der Mensch hat ein Recht auf Würde und Glück. Er ist nicht geboren, im Schmutz zu leben.“
(in: Ruth Pfau „Das letzte Wort wird Liebe sein“, Herder Verlag 1996)

BIldquelle: https://www.leipzig.de/jugend-familie-und-soziales/frauen/1000-jahre-leipzig-100-frauenportraets/detailseite-frauenportraets/projekt/pfau-ruth-dr

 

Evelin Irmscher

Als Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Markkleeberg und danach als Gleichstellungsbeauftragte Für den Regierungsbezirk Leipzig zählte Evelin Irmscher zu den Wegbereiterinnen der Gleichstellungsarbeit im Freistaat Sachsen. Geboren 1947 in Bischofswerda; Pädagogik-Studium in Leipzig; unterrichtete als Dipl.-Lehrerin an verschiedenen Schulen in der Region; ab Mitte der 1980er-Jahre Dozentin am Pädagogischen Institut Leipzig im Bereich Methodik des Deutschunterrichts. 1993 wurde sie Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Markkleeberg; 1994 erfolgte die Bestellung zur Gleichstellungsbeauftragten für den Regierungsbezirk Leipzig.

In den vielen Jahren ihrer Tätigkeit als Gleichstellungsbeauftragte unterstützte sie zahlreiche Vereine – von der Idee eines Projektes bis zum erfolgreichen Abschluss. Bei Gleichstellungsbeauftragten in Sachsen hatte ihre Meinung Gewicht und sehr oft fand dank ihrer Vermittlung ein überregionaler Austausch zu verschiedenen Themen in Leipzig statt. Sie wollte ihr wertvolles Wissen nicht für sich behalten, sondern sorgte stets und mit Nachdruck dafür, dass viele Menschen davon profitierten. Ob es um eine Gesetzesänderung oder um eine neue Förderrichtlinie ging; um eine Ausbildung von arbeitslosen Frauen oder um Gespräche mit Landesministerien.“ (Genka Lapön, 2006)

Weiteres berufliches & gesellschaftliches Engagement
– Evelin Irmscher verstand es, in ihrer Arbeit mit dem Alltäglichen umzugehen – in ihrer Art & Weise – Kontinuität und Hartnäckigkeit mit Ehrlichkeit und Lebenshumor zu verbinden. Für sie waren nie nur Förderrichtlinien wichtig, sondern auch Inhalte. Sie konnte begeistert sein
oder kritisch, aber sie trug die Anliegen der Frauen*Vereine und Frauen*Projekte nicht einfach nur weiter, sondern hat für sie gestritten.
– Dass langjährig existierende Frauen*Projekte in Leipzig und der ländlichen Region Leipzig Jahrzehnte bestehen, hat auch mit ihrem Engagement zu tun. Neben der finanziellen Förderung war ihr Vernetzung ein wichtiges Anliegen – ebenso die Unterstützung von Gründerinnen und Möglichkeiten der Weiterbildung, damit z.B. technisch gut ausgebildete Frauen der ehemaligen DDR nach den gesellschaftlichen Veränderungen
– 1989/1990 und der daraus folgenden hohen Frauen*Arbeitslosigkeit wieder berufliche und persönliche Perspektiven
entwickeln konnten.
– Sie gehörte zu den Ideengeberinnen wesentlicher Tagungen wie z.B. „Frauenaufbruch in die
Moderne“ anlässlich des 140. Gründungstages des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins
oder der Konferenz „100 Jahre Frauenstudium in Leipzig“ 2006.
– Als Vorsitzende der Arbeitsgruppe Leipzig der Deutsch-Israelischen Gesellschaft setzte sich Evelin Irmscher immer sehr positioniert und konsequent ein, um Spuren jüdischen Lebens in Europa und Deutschland nachzuzeichnen – und jüdisches Leben als selbstverständlich in Deutschland zu verankern.
– Evelin Irmscher starb am 09.02.2006. Ihr umfangreiches Engagement auch für mehr strukturelle Geschlechtergerechtigkeit in Leipzig hat wertzuschätzendes Bleibendes bewirkt.


„Die Männer werden uns Frauen nicht den Weg bereiten. Es ist unsere eigene Aufgabe, in allen Strukturen politisch aktiv tätig zu werden!“
(Evelin Irmscher, 1998)

 

Friederike Wilhelmine Auguste Schmidt

Friederike Wilhelmine Auguste Schmidt engagierte sich als Lehrerin, Schulvorsteherin, Publizistin und im Vorstand von Frauenvereinen über vier Jahrzehnte für die Bildung von Mädchen und Frauen. Sie wurde im Jahr 1833 in Breslau geboren; ihr Vater war Artilleriehauptmann, ihre Mutter Tochter eines Regimentsarztes. Im Elternhaus wurde auf eine fundierte Ausbildung von Auguste und ihren vier Geschwistern geachtet. Auguste interessierte sich sehr früh für Literatur und Sprachen. 1848 begann Auguste Schmidt am Posener Lehrerinnenseminar die Ausbildung – später auch ihre jüngere Schwester Anna.

Nach bestandenem Examen 1850 arbeitete sie im Alter von 17 Jahren
als Lehrerin in Posen, später an einer Privatschule in Oberschlesien. 1855
zog sie nach Posen zurück und studierte – neben ihrer Arbeit als Lehrerin an einer Höheren Töchterschule – zwei Jahre lang für das gehobene Schulamt.
1857 war sie staatlich geprüfte Schulvorsteherin. 1861 zog Auguste Schmidt nach Leipzig um. 1862 folgte sie dem Angebot von Ottilie von Steyber – Gründerin einer höheren Mädchenschule in Leipzig – am Steyberschen Institut Literatur und Ästhetik zu unterrichten. Die Mutter und Schwester Clara von Auguste Schmidt – später auch ihre Schwester Anna – siedelten nach dem Tod des Vaters im Jahr 1863 nach Leipzig über.

Weiteres berufliches & gesellschaftliches Engagement
– Bei einem Gesangsabend ihrer Schwester Clara lernte Auguste Schmidt 1964 die 14 Jahre ältere Journalistin und Schriftstellerin Louise Otto-Peters kennen – die beide in ihrem Tun sehr aktiv für „die Bildung von Mädchen und Frauen“ kämpften. Auguste Schmidt und Louise Otto-Peters wurden für ihr gesamtes weiteres Leben zu engsten Vertrauten in ihrem Kampf für gerechte Lösungen der Frauenfrage.
– Die Donnerstag-Gesellschaften u.a. bei Louise Otto-Peters waren der Raum, an welchem Kräfte gebündelt und gemeinsame Handlungsstrategien thematisiert und diskutiert wurden. Auguste Schmidt, Louise Otto-Peters und Henriette Goldschmidt entwickelten ihr Frauenfrageprogramm bis in die stadtpolitische (Fürsorge-)Praxis hinein. 1865 gründeten sie von Frauen für Frauen fürsorgerische Frauenvereinigungen, im März 1865 den Leipziger Frauenbildungsverein.
– Im Oktober 1865 (vom 15. bis zum 18.) wurde auf der – von Louise Otto-Peters initiierten – gesamtdeutschen Frauenkonferenz in Leipzig mit 300 Frauen aus ganz Deutschland der Allgemeine Deutsche Frauenverein ADF gegründet. Das Vereinsziel: Zugang der Frauen zur schulischen, beru ichen
und universitären Bildung und damit zur eigenständigen Erwerbsarbeit. Erste Vorsitzende wurde Louise Otto-Peters, Stellvertreterin: Auguste Schmidt. Im Jahr 1866 hatte der ADF 75 Mitglieder, nur vier Jahre später 1870 waren es bereits mehr als 10.000. Ab 1866 waren Schmidt und Otto-Peters die verantwortlichen Redakteurinnen der Zweiwochen-Zeitschrift „Neue Bahnen“ des ADF.
– 1870 übernahm Auguste Schmidt nach dem Tod von Ottilie von Steyber als Schulvorsteherin das Steybersche Institut. Zu ihren Schülerinnen gehörte von 1874 bis 1878 Clara Eißner, später Clara Zetkin – die im Steyberschen Institut eine Freistelle bekam und sich zur Sprachlehrerin ausbildete. Ihre Mutter Josephine Eißner war ADF-Mitglied und hatte den Umzug der Familie von Wiederau bei Rochlitz nach Leipzig durchgesetzt, um ihrer Tochter den Besuch dieser Schule zu ermöglichen.
– 1890 gründeten Auguste Schmidt gemeinsam mit Helene Lange und Marie Loeper-Housselle den Allgemeinen Deutschen Lehrerinnenverein (Schmidt war Ehrenvorsitzende); von 1894 bis 1899 arbeitete sie als erste Vorsitzende des Bundes deutscher Frauenvereine BDF.
– Auguste Schmidt agierte auch schriftstellerisch. 1868 erschienen die beiden Novellen „Tausendschön“ und „Veilchen“ sowie 1895 die Erzählung „Aus schwerer Zeit“.
– Aus gesundheitlichen Gründen zog sich Auguste Schmidt mit 66 Jahren im Jahr 1900 aus der Öffentlichkeit zurück.
– Nach kurzer Krankheit verstarb Auguste Schmidt mit 68 Jahren im Jahr 1902 in Leipzig – und wurde neben ihrer engsten Vertrauten, Mitstreiterin und Freundin Luise Otto-Peters († 1895) auf dem Leipziger Johannisfriedhof beigesetzt.

Bildquelle: https://www.leipzig.de/jugend-familie-und-soziales/frauen/1000-jahre-leipzig-100-frauenportraets/detailseite-frauenportraets/projekt/schmidt-friederike-wilhelmine-auguste

 

Dr. med. Margarete Blank

Margarete Blank, 1901 in Kiew geborene Deutsch-Baltin, arbeitete nach ihrem Medizinstudium und ihrer Promotion an der Universität Leipzig als anerkannte Landärztin in Panitzsch | Leipziger Landkreis. Ihr Wunsch, Ärztin zu werden, entsprang zweifellos ihrer tiefen humanistischen Überzeugung, Menschen zu helfen. Margarete Blank war eine der wenigen Frauen, die zu dieser Zeit Medizin studieren konnten.

Margarete Blank mit „summa cum laude“. Ihr großes Engagement im Studium setzte sie in Praktika und Volontärtätigkeit an verschiedenen Universitätskliniken und später als approbierte Ärztin in anderen Kliniken in Leipzig und Umland als Vertretung fort. Das alles war ab 1929 verbunden mit dem Bau eines bescheidenen Holzhauses in Panitzsch und dem Bemühen um eine Niederlassungserlaubnis. Ihre finanziellen Mittel waren in diesen Jahren sehr gering, sie war auf Unterstützung vor allem durch den Bruder angewiesen und arbeitete oft bis zur Erschöpfung. So blieb es nicht aus, dass Margarete Blank mehrfach ernsthaft erkrankte


Weiteres berufliches & gesellschaftliches Engagement
– Auch als sie als Landärztin ab 1930 in Panitzsch tätig war und der Zustrom der Patient:innen immer größer wurde, hielt sie Kontakte zu ihren Kolleg:innen und Freund:innen in Leipzig. Viele von ihnen waren oft Gast im „Pilz“, wie das Haus von Margarete Blank wegen der Dachform bis heute bezeichnet wird.
– Ihr Doktorvater Prof. Dr. Henry Ernest Sigerist (1891-1957), Direktor des Instituts für Geschichte der Medizin und Naturwissenschaften verließ wegen der sich abzeichnenden unheilvollen Entwicklung.
– 1932 Deutschland und schlug auch Margarete Blank vor, eine wissenschaftliche Karriere an der Johns Hopkins University in Baltimore zu beginnen. Die Arbeit mit ihren Patient:innen ging Dr. Blank jedoch immer vor; so konnte und wollte sie den Vorschlag nicht annehmen.-
– Sie war erklärte Gegnerin des NS-Regimes, das sie als brutales, menschenverachtendes System ablehnte. Sie verweigerte den Hitlergruß und gehörte keiner Partei an, auch nicht dem NS-Ärztebund.
– Als Ärztin, Humanistin und Christin half sie ihren Patient:innen, darunter auch Zwangsarbeiter:innen und Kriegsgefangenen über das übliche Maß hinaus mit zusätzlichen Rationen, Medikamenten und vielem mehr. Sie war unermüdlich zu jeder Tages- und Nachtzeit, besonders auch bei Bombenangriffen, unterwegs, um den Menschen Beistand und Hilfe zu leisten. Das war Widerstand in einer Zeit, in der viele Angst hatten oder gar zu Denunziant:innen wurden.
– Bis heute haben die älteren Dorfbewohner:innen Erinnerungen an „das kleine Fräulein Doktor“, wie Margarete Blank liebevoll von vielen bezeichnet wurde, bewahrt.
– Am 14. Juli 1944 wurde Margarete Blank von der Geheimen Staatspolizei in Panitzsch als „bolschewistische Spionin und Agentin“ festgenommen. Der Grund dafür war eine Denunziation: Dr. Margarete Blank soll sich russlandfreundlich und kritisch gegenüber dem „Endsieg“ geäußert haben. – Am 08. Februar 1945 wurde Margarete Blank auf dem Schafott am Münchner Platz in Dresden als „bolschewistische Spionin und Agentin“ hingerichtet. Das zutiefst humanistisch solidarische Wirken der Ärztin Dr. Margarete Blank ist ein so wertvolles Erbe und eine bleibende Verpflichtung. Margarete Blank folgte immer ihrem Gewissen …bis in den
Tod. Ihr Handeln zeigt uns heute auf, was wir tun müssen für ein friedliches Miteinander in einer von Kriegen und Konflikten geprägten Welt.


„Es gibt nur einen zuverlässigen Wegweiser im Leben: Unerschütterliche strenge Wahrheitsliebe. Es gibt nur einen Genuss: Das seelische Gleichgewicht; nur eine Freude: Die Schönheit der Natur.“
(Margarete Blank)

https://www.leipzig.de/jugend-familie-und-soziales/frauen/1000-jahre-leipzig-100-frauenportraets/detailseite-frauenportraets/projekt/blank-margarete

 

Clara Schumann

Clara Schumann | Geburtsname: Clara Wieck, geb. 1819 in Leipzig; Tochter von Marianne Tromlitz, Pianistin und Sängerin am Gewandhaus und Friedrich Wieck, Theologe, Musiker, Klavier-Lehrer und Klavier-Fabrikant.
Nach Trennung der Eltern als Clara vier Jahre alt ist, muss sie zum Vater ziehen. Fünf Tage später beginnt für Clara ein sehr strenger systematischer Unterricht in Klavier, Violine, Gesang, Musiktheorie, Improvisation und Komposition. 1828 gibt sie als Neunjährige ihr erfolgreiches Debüt im Gewandhaus zu Leipzig. 1831 veröffentlicht ihr Vater ihre erste Komposition. 1831-1832 spielt sie u.a. in Weimar vor Goethe, in Paris vor Chopin.
Sie begegnet in dieser Zeit dem neun Jahre älteren Robert Schumann, Klavierschüler ihres Vaters. Die 12-jährige widmet Schumann ihre dritte
Komposition – und Schumann antwortet ihr mit einer Komposition über Claras Thema. Die Beziehung zwischen Clara Wieck und Robert Schumann wird mit den Jahren tiefer – doch Friedrich Wieck lehnt 1837 Schumanns Heiratsantrag ab. Im Jahr 1839 zieht Clara, als virtuose Pianistin in Europa gefeiert, nach Berlin zu ihrer Mutter. Das angerufene Appellationsgericht
in Leipzig erteilt die Heiratserlaubnis – und am 12.09.1840 findet die Hochzeit statt. Internationale Konzertreisen tragen zu ihrer Berühmtheit bei. Bereits 1838 wurde sie zur kaiserlichen und königlichen Kammervirtuosin ernannt.


Künstlerinnen-Sein im 19. Jahrhundert
Clara und Robert Schumann führen sehr bewusst den Versuch einer „Künstler-Ehe“ gleichberechtigt einander akzeptierend und wertschätzend. Doch die Rollenmuster der Zeit verhindern dies im Alltag. Robert leidet daran, dass sich ein Erfolg seiner Kompositionen erst allmählich einstellt; leidet am Erfolg seiner Frau als Pianistin, fühlt sich durch ihr Klavierspiel am Komponieren gehindert – und weiß doch, dass sie den wesentlichen Teil zum Familieneinkommen beiträgt.
1844 zieht das Ehepaar nach Dresden; 1848 bricht die Märzrevolution aus und die Schumanns stehen auf der „Seite des Volkes“. 1841 bis 1849 bringt Clara sechs Kinder auf die Welt. Nach der Geburt des siebenten Kindes 1851 und der zweiten Fehlgeburt 1852 ist Clara am Ende ihrer Kräfte.
Bereits 1850 zieht die Familie nach Düsseldorf, wo Robert Schumann die Stelle des Städtischen Musikdirektos annimmt; 1853 wird er entlassen. Clara und Robert gehen noch auf eine erfolgreiche Konzertreise nach Holland – es ist ihre letzte gemeinsame Reise. Zu Beginn des Jahres 1854 versucht Robert Schumann einen Suizid – und wird auf eigenen Wunsch in eine Nervenheilanstalt eingeliefert. Im Juni 1854 bekommt Clara ihr achtes Kind; im Oktober nimmt sie ihre Konzerttätigkeit wieder auf, um die Familie ernähren zu können. 1856 stirbt Robert. Clara ist 37 Jahre alt und alleinverantwortlich für alle Belange ihrer sieben Kinder [ihr Sohn Emil starb mit 18 Monaten].
Ihre Konzertreisen lassen wenig Zeit für Familie, einige Kinder leben in Internaten; sie kauft ein Haus in Baden-Baden, um gemeinsame Zeit dort verbringen zu können. Über die gesamte Zeit ihres Wirkens schließt Clara enge Freund:innenschaften mit Musiker:innen, Sänger:innen und Komponist:innen – so u.a. mit Frederick Chopin und Johannes Brahms.
Mit 55 Jahren bemüht sich Clara um eine Stelle an der Hochschule für Musik Berlin, wissend, dass sie die anstrengenden Konzertreisen körperlich nicht mehr bewältigen kann. Doch sie wird abgelehnt. Erst 1878 erhält sie als erste Frau eine Lehrstelle am Konservatorium in Frankfurt am Main. Parallel dazu arbeitet Clara an der „Kritischen Gesamtausgabe der Werke von Robert Schumann; verö entlicht 1886. Im Oktober 1878 feiert Clara Schumann ihr 50-jähriges Bühnenjubiläum im Leipziger Gewandhaus. 1879 schreibt sie ihre letzte Komposition.
1881 erhält sie die Ehrenmitgliedschaft der Royal Academy of Music London. 1887 übernimmt sie die Vormundschaft für die sechs Kinder ihres Sohnes Ferdinand. 1888 geht sie auf ihre letzte Konzertreise;
1889 verleiht ihr Kaiser Wilhelm II die Große Medaille für Kunst, 1892 beendet sie ihre Lehrtätigkeit.
Nach ihrem Tod wird sie an der Seite von Robert Schumann beigesetzt.

Ich fühle mich berufen zur Reproduktion schöner Werke […] Die Ausübung der Kunst ist ja ein großer Teil meines Ich‘s, ist mir die Luft, die ich atme!“ (Clara Schumann)

 

Louise Otto-Peters

Louise Otto-Peters engagierte sich im 19. Jahrhundert vor allem für Bildungsgerechtigkeit. In einer Zeit, in der sich Frauen politisch nicht beteiligen durften und in der nur Töchter gehobener Kreise die Chance auf eine Mädchenbildung bis zur Konfirmation hatten, setzte sie sich für die Verbesserung der Mädchen- und Frauenbildung ein und forderte als erste Frau im deutschsprachigen Raum das politische Wahlrecht für Frauen.
Geboren am 26.03.1819 in Meißen; ihr Vater ist Jurist, ihre Mutter stammt aus einer Familie von Porzellanmaler:innen; mit drei Schwestern wuchs sie in liberalen bürgerlichen Verhältnissen auf. Sie setzte durch, dass ihre Konfirmation um ein Jahr verschoben wird, um ein ganzes Jahr länger die Schule besuchen zu können.


Weiteres berufliches & gesellschaftliches Engagement
– Bereits 1849 gründete Louise Otto-Peters die „Frauen-Zeitung“ unter dem Motto „Dem Reich der Freiheit werb‘ ich Bürgerinnen“ – eine der ersten Zeitungen, die im deutschsprachigen Raum von einer Frau herausgegeben wird. 1850 wird die Zeitung wieder verboten.
– Louise Otto-Peters unterhielt ein umfangreiches und weit verzweigtes Netzwerk zu anderen liberal denkenden Menschen ihrer Zeit.
– 1865 initiierte Louise Otto-Peters die Formierung der deutschen Frauenbewegung. Im Februar 1865 gründeten Louise Otto-Peters, die Lehrerin Auguste Schmidt, die Schulvorsteherin Ottilie von Steyber, die Fröbel-Pädagogin Henriette Goldschmidt und andere zunächst den Frauenbildungsverein, der den Beschluss fasste, im Oktober des Jahres eine gesamtdeutsche Frauenkonferenz einzuberufen. Auf der vom 15. bis zum 18. Oktober 1865 in Leipzig abgehaltenen Zusammenkunft wurde der Allgemeine Deutsche Frauenverein ADF gegründet. Erste Vorsitzende beider Vereine wurde Louise Otto-Peters. Ziel dieser Vereine war es, Hilfe zur Selbsthilfe anzuregen und zu organisieren. Die Vereinszeitschrift des ADFs „Neue Bahnen“ redigierte sie gemeinsam mit Auguste Schmidt bis 1895.
– Louise Otto-Peters versuchte mit ihren Schriften und ihrem Wirken auf die Ungerechtigkeiten, mit denen Frauen ihrer Zeit zu kämpfen hatten, aufmerksam zu machen und diese zu verringern, sowohl im Bildungskontext als auch in der sich durch die Industrialisierung verändernden Arbeitswelt.
– 1895 stirbt Louise Otto-Peters in Leipzig. An sie erinnert in dieser Stadt u.a. das Louise-Otto-Peters-Gymnasium, dass jungen Menschen ihre Ideen mit auf den Weg geben kann.
– Obwohl bereits 1832 in Leipzig die erste Ernennung eines Ehrenbürgers vorgenommen wurde,
blieb ihr diese Ehrung verwehrt – sie war ja nur „eine Frau“. Louise Otto-Peters hätte diese Ehrung verdient für ihr unermüdliches ehrenamtliches Engagement für die Gleichstellung von Frau und Mann, für ihr Netzwerken und das Anprangern von Ungerechtigkeiten ihrer Zeit.
„Die Freiheit ist untheilbar!“ (Louise Otto-Peters)

Christa Gottschalk

Christa Gottschalk war eine bemerkenswerte Künstlerin mit Haltung – berflich wie in ihrem sozialen Alltag.
Geboren 1927 in Dessau, studierte von 1946 bis 1948 Schauspiel an der Hochschule für Musik und Theater Leipzig.
Bereits im zweiten Semester spielte sie ihre erste Rolle am Theater. Von 1949 bis 1951 war sie am Schauspielhaus Leipzig engagiert, wechselte anschließend an das Deutsche Nationaltheater Weimar, wo sie fast alle Rollen der Weltliteratur spielte. Neben dem Theater stellte sie in TV- und Kino-Filmen verschiedene Charaktere dar – und synchronisierte internationale Filme, wie z.B. die Toni in Konrad Wolfs bekanntem Spielfilm „Lissy“.


Weiteres berufliches & gesellschaftliches Engagement
– Auch im Bezug auf den 9. Oktober 1989 stellte Christa Gottschalk bei einer Versammlung des damaligen Generalintendanten Kayser für die Solisten im Schauspielhaus am 11. Oktober 1989 öffentlich Fragen:
Ich lebe und arbeite seit über 40 Jahren in diesem Land. Ich frage Sie, was haben wir – ich sage bewusst wir – falsch gemacht, dass so viele Menschen, besonders junge Menschen, die von Lehrern ausgebildet wurden, die selber in diesem Staat aufgewachsen sind, dieses Land verlassen? Wie viele es sind, kann man ausschließlich aus den Nachrichten im Fernsehen der ARD und des ZDF erfahren. Unsere Zeitung und unser Fernsehen schweigen sich wie immer aus.”
– Das Fazit dieser Versammlung: Die Forderungen der Resolution „Wir treten aus unseren Rollen heraus. Die Situation im Land zwingt uns dazu.“ – von Dresdner Schauspieler:innen nach Ehrlichkeit, Meinungsfreiheit, Information und Dialog – allabendlich vor dem Publikum zu verlesen. Als unmittelbar „staatlich“ daraufhin angewiesen wurde, dass alle Texte vorgelegt werden müssen – reagierte Christa Gottschalk:

Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben – sagte Michael Gorbatschow. Ich habe dieses Zitat mehrmals gesehen und gehört, allerdings nicht im Fernsehen der DDR. Vieles, sehr vieles, was mich schon lange nachdenklich machte, wurde mir mit den Worten Gorbatschows bestätigt. Jeden Abend, wenn ich von einer Vorstellung nach Hause fahre, bin ich mehr oder weniger unzufrieden über meine Leistung. Ich wäre sehr beunruhigt, fände dieser Zustand nicht mehr statt. Die Gefahr der Stagnation wäre eingetreten. Krisen sind schmerzhaft. Oft genug habe ich das an mir erfahren. Sie sind aber nicht unehrenhaft. Sie sind notwendig, zeugen von Bewegtheit und Bewegung. Warum sollte es sich ein Staat, ein Land, in dem wir leben, nicht leisten können, souverän genug zu sein, Unvollkommenheit mit aller Entschiedenheit ohne Beschönigung aufzuzeigen und den Fehler erst einmal bei sich selbst zu
suchen? Dann kann man daran gehen, Fehler zu beseitigen. Damit ist der Demokratie gedient. Es darf nicht heißen: Zu spät, wir haben unsere Chance vertan. Friede im Inneren des Landes ist nicht Gleichgültigkeit, Resignation. Friede ist bewegtes Miteinander, ist Auseinandersetzung untereinander in der
kleinsten Zelle wie im Großen. Vorausgesetzt der Wille ist vorhanden, zueinander zu gelangen. Ich will nicht zu spät kommen.”

Unvergesslich für Christa Gottschalk, dass danach ihr erwachsener Sohn sie umarmend sagte: „Für eins bin ich dir dankbar. Du hast mich nie zum Anpasser erzogen.” | Oktober 1989
– Als der neue Intendant Wolfgang Engel 1996 die Verträge mit den Schauspieler:innen kündigte, behielt er sie als Gastdarstellerin.
– 1997 moderierte sie im Gewandhaus Leipzig die UNICEF-Gala. Ein weiterer wichtiger Teil ihrer Arbeiten waren ihre Lesungen, die sie durch die gesamte Bundesrepublik führten.
– Bis 2009 spielte sie über 180 Rollen, wovon ein großer Teil in 100 bis 150 und mehr Aufführungen zu sehen war.
– Christa Gottschalk starb im Jahr 2018 im Alter von 90 Jahren.
– 1953 wurde sie von Wolfgang Langhof an das Deutsche Theater nach Berlin engagiert. Hier lernte Christa Gottschalk auch Willy A. Kleinau kennen, mit dem sie dann zusammenlebte. Bei einem tödlichen Autounfall 1957 auf der Autobahn verstarb Willy A. Kleinau. Christa Gottschalk saß mit im Auto – äußerlich nur Prellungen und Hautabschürfungen, innerlich ein tiefer Schmerz und Verlust, der blieb.
– 1958 wechselte Christa Gottschalk wieder an das Schauspielhaus nach Leipzig.
– Neben ihrer Schauspieltätigkeit wurde sie zusätzlich bis zum Jahr 2004
Lehrbeauftragte für Szenenstudium und künstlerisches Wort an der Hochschule für Musik und Theater „Felix Mendelssohn Bartholdy“.

 

Prof. Dr. med. habil. Lykke Aresin

Lykke Aresin war eine weltweit anerkannte Sexualwissenschaftlerin sowie internationale Vorkämpferin für Familienplanung und selbstbestimmte Sexualität.
Geboren am 2. März 1921 in Bernburg, studierte sie Medizin in Göttingen/Jena, wurde Fachärztin für Neurologie | Psychiatrie und Oberärztin an der Medizinischen Akademie in Erfurt. 1958 habilitierte sie in Erfurt. 1959 zog sie mit Ehemann Norbert (1911-1971) nach Leipzig, arbeitete auch hier als Oberärztin.
1960 übernahm sie die Leitung der seit DDR-Gründung bestehenden
Ehe- und Sexualberatungsstelle und Familienplanung der Universitätsklinik
für Gynäkologie und Geburtshilfe der Karl-Marx-Universität.
In ihrer „Sprechstunde des Vertrauens“ klärte sie über Fragen zu Ehe,
Sexualität und Familienplanung auf.
1959-1960 war sie Dozentin für Neurologie an der Medizinischen Fakultät
der KMU; 1964-1981 Professur für Neurologie und Psychiatrie im Bereich Medizin der Uni Leipzig. Lykke Aresins Vorlesungen über Sexualität und Familienplanung fanden vor übervollen Hörsälen statt.

Weiteres berufliches & gesellschaftliches Engagement
-Die von ihr in den 70er-Jahren herausgegebenen soziologisch-medizinischen Publikationen Jugendlexika „Jugend zu zweit“ und 1982 das „Jugendlexikon junge Ehe“ – gemeinsam mit Annelies Müller-Hegemann – waren in der DDR quasi Familien-/Bestseller; 1995 gab sie gemeinsam mit Kurt Starke das „Lexikon der Erotik“ heraus, welches ebenfalls sehr oft gelesen wurde.
– Sie war international erfolgreich tätig. Im Auftrag der Weltgesundheitsorganisation (WHO) reiste sie mehrfach nach Kuba; sie war Delegierte der DDR in der International Planned Parenthood Federatio  (IPPF) und hielt weltweit Vorträge und Workshops über Familienplanung. Zudem engagierte sie sich als Leipziger Stadtverordnete.
– Sie erhielt zahlreiche Auszeichnungen u.a. 1965 die Clara-Zetkin-Medaille; 1973 die Verdienstmedaille der DDR.
– Sie war Anfang der 1970er Jahre Gründungsmitglied der Sektion Ehe und Familie in der „Gesellschaft für Sozialhygiene der DDR“ und dort bis 1991 stellvertretende Vorsitzende. Aus der von ihr mitbegründeten Arbeitsgruppe „Medizinische und pädagogische Probleme der Sexualität“ gründete sich 1990 die „Gesellschaft für Sexualwissenschaft“ mit Sitz in Leipzig, deren Mitinitiatorin sie war und langjährig in deren Vorstand arbeitete.
– Wegweisend ist Aresins Positionierung und Einsatz für queere Rechte. In den 1970er Jahren war sie maßgeblich beteiligt an der Abscha ung des sogenannten Schwulenparagraphen §175 [gültig seit 1871] bzw. §151 StGB der DDR [Kriminalisierung homosexueller Handlungen]. Sie war entscheidende Wegbereiterin für die Liberalisierung und schließlich Abschaffung des diskriminierenden Gesetzes. Bereits 1976 setzte Lykke Aresin sich für die Rechte von Trans-Personen ein; war Mitverfasserin der „Verfügung zur Geschlechtsumwandlung“ [mit Gesetzescharakter], die vorsah, dass Transsexuelle medizinisch und rechtlich betreut werden und eine Vereinfachung des Namenswechsels implementierte.
1981 wurde sie emeritiert; 1988 Berufung zum Mitglied der Kommission für Sexuologie beim Ministerium für Hoch- und Fachschulwesen. 1990 war sie Mitbegründerin von Pro Familia Sachsen und deren Vorsitzende bis 1998. Ebenfalls 1990 gründete sie eine der ersten Trans-Beratungsstellen in der DDR. Lykke Aresin verstarb am 07. November 2011 in Leipzig.

Selbstbestimmte Sexualität ist ein Menschenrecht. Übersexualisierung in den Medien sowie verbalen Exhibitionismus finde ich jedoch unangemessen.“
(Lykke Aresin)

 

Dr. phil. Käthe Windscheid

Katharina Charlotte Friederike Auguste Windscheid war Wegbereiterin & Role Model für das Frauenstudium in Deutschland. Geboren am 28. 08. 1859 in München als älteste Tochter von Charlotte und Bernhard Windscheid, eines angesehenen Juristen. 1874 zog die Familie Windscheid mit ihren vier Kindern nach Leipzig. Ihre Mutter engagierte sich in Leipzig aktiv für mehr Chancen von Frauen und Mädchen – u.a. im Allgemeinen Deutschen Frauenverein [ADF]; gründete einen Verein für Mädchenhorte und den „Vereins der Künstlerinnen und Kunstfreundinnen“ Leipzigs zur Förderung von Selbstorganisation, Qualifizierung, Förderung der Kunst und kunstgewerblicher Erwerbstätigkeit von Frauen.

Käthe Windscheid wurde bildungsgerichtet erzogen; sie besuchte höhere Töchterschulen; legte nach Auslandsaufenthalten 1882 in Berlin das Sprachlehrerinnenexamen für Französisch und Englisch ab. 1885 – 1890 arbeitete sie an einer Privatschule in Leipzig. Als Uni-Gasthörerin in Leipzig, München und Heidelberg studierte sie von 1890 bis 1894 Germanistik, Romanistik und Anglistik. Käthe Windscheid war Mitglied im Allgemeinen Deutschen Frauenverein; beteiligte sich 1888 an der Gründung des Leipziger Lehrerinnen-Vereins und war bis 1903 in dessen Vorstand aktiv. 1892 wurde sie in den ADF-Vorstand gewählt und war Gründungsmitglied des vom Leipziger Lehrerinnen-Verein initiierten Frauengewerbe-Vereins. Mit ihrer Mutter engagierte sie sich im 1902 gegründeten Leipziger Verein der Kinderfreunde (Kinderschutz) e. V., der Misshandlungen, sittliche Gefährdung und Unterernährung von Kindern sowie übermäßiger Kinderarbeit thematisierte

Weiteres berufliches & gesellschaftliches Engagement
– Käthe Windscheids Arbeit in den Vereinen umfasste neben Vorstandsaufgaben auch zahlreiche Vorträge zu unterschiedlichsten Themen, so über Armen- und Waisenp ege, Literatur, Frauenbewegung und Mädchenbildung. (Auskunft geben hierzu Ankündigungen/Berichte in den „Neuen Bahnen“, der ADF-Vereinszeitschrift.)
– Durch die Freundschaft ihres Vaters mit dem Großherzog Friedrich I. von Baden war Käthe Windscheid – da regulär Frauen vor der Jahrhundertwende nicht studieren bzw. promovieren durften – eine Promotionsausnahmeregelung erteilt worden. Am 16. Februar 1895 promovierte sie in Heidelberg als erste Frau an einer deutschen Universität mit der Dissertation „Die englische Hirtendichtung 1679 -1725“. Erst im Zeitraum von 1900 bis 1906 wurden Frauen in Deutschland (je nach Bundesland) zum Universitätsstudium zugelassen. Viele bekannte Wissenschaftlerinnen der damaligen Zeit studierten im Ausland.
– Eine private Stiftung für das Frauenstudium und ein einzurichtendes Mädchengymnasium ermöglichte dem ADF Ende des 19. Jahrhunderts die Vergabe von kleinen Stipendien an Frauen. Erst ab 1901 zahlte die Stadt
einen Zuschuss. Die Leitung der Leipziger Gymnasialkurse übertrug der ADF an Dr. Käthe Windscheid. Sie begann mit zehn Schülerinnen in ihrer Privatwohnung/der Wohnung ihrer Eltern. 1898 bestanden die ersten
fünf Schülerinnen vor einer unabhängigen Kommission am Königlichen Gymnasium in Dresden-Neustadt die Abiturprüfungen. Ab 1902 fanden die Prüfungen der Mädchen in Leipzig am Petrigymnasium statt. 1906
wurde die Leipziger Universität für Frauen geö net; 27 Studentinnen schrieben sich ein – darunter neun ehemalige Schülerinnen der von Dr. Käthe Windscheid geleiteten Gymnasialkurse, die alle die akademische
Doktorwürde erlangten. 197 Mädchen hatte Käthe Windscheid 1894 – 1914 in den ADF-Gymnasialkursen zum Abitur geführt.
– Mit dem 1910 verabschiedeten Sächsischen Mädchenschulgesetz wurde der l. städtischen Höheren Mädchenschule eine Abiturklasse für Mädchen angegliedert; später zur Oberrealschule ausgebaut. Dort wurde
Käthe Windscheid 1914 als Lehrerin übernommen. Nach 1914 wurde Katharina Windscheid als Lehrerin an der II. Höheren Mädchenschule (Oberrealschule) in Leipzig zugelassen, wo sie bis 1924 tätig war.
Käthe Windscheid starb am 15. März 1943. Sie war eine der wichtigsten Wegbereiterinnen des Frauenstudiums, der Etablierung und Pro lierung der Frauengymnasialbildung in Leipzig. Eine Ehrung durch die Stadt Leipzig wurde aber weder ihr noch ihrer Mutter zuteil, sondern nur ihrem Vater. 1890 wurde er zum Ehrenbürger Leipzigs ernannt – und eine Straße in Connewitz trägt seinen Namen.


„Die Frage der rein intellektuellen Begabung ist überhaupt nicht
als eine im Geschlecht begründete, sondern als eine individuelle aufzufassen […]“
(Käthe Windscheid „Das Gymnasialwesen für Mädchen“, 1897)