Rede von Ema8M

Wir sind das Bündnis Emanzipatorischer 8. März und bestehen aus autonomen feministischen Gruppen inLeipzig. Wir haben uns nach dem 7. Oktober 2023 gegründet, um am feministischen Kampftag eineantisemitismuskritische Perspektive hochzuhalten. Emanzipation können wir uns nicht vorstellen ohne eineumfassende Befreiung aller Frauen und Queers – und nicht ohne eine grundlegende Solidarität mit allenJüdinnen*Juden sowie mit dem Staat Israel, so kompliziert das in der jetzigen Situation auch ist.

Darüber hinaus bedeutet Emanzipation für uns Staatskritik. Auf unserer Demo gibt es einen breitenKonsens, dass Mädchen, Frauen, queere und trans Menschen finanzielle Mittel und rechtlichen Schutzbrauchen, um selbstbestimmt leben, lernen, lieben und ihr Leben gestalten zu können. Wir fordern vomStaat, patriarchale Ungleichheit und Gewalt in all ihren Formen zu bekämpfen. Wir sind wütend über denAbbau des Sozialstaats, den die Merz-Regierung vorantreibt, weil er zulasten von prekär Beschäftigten,Kranken, Behinderten, Pflegenden und Sorgenden geht. Wir sind empört über die Hetze gegen Teilzeitarbeitende Frauen und gegen Migrant*innen, die in unserer Stadt angeblich fehl am Platz wären.

Gleichzeitig wissen wir: Der Staat wird niemals so viele Wunden heilen, wie er schlägt. Alle Staaten gründenauf einem frauenfeindlichen Geschlechterverhältnis. Der Staat sichert die kapitalistische Eigentumsordnungab, in der Rücksichtslosigkeit finanziell belohnt wird und besonders migrantische und deklassierte Frauen inAusbeutung und Armut getrieben werden. Das kapitalistische Patriarchat weist Frauen dielebensnotwendige, aber schlecht oder gar nicht bezahlte Haus und Sorgearbeit zu – und verachtet sie dafür.Patriarchale Gewalt bleibt wegen einer betroffenenfeindlichen Gesetzgebung und Rechtsprechung oft ohnerechtliche Konsequenzen. Die Emanzipation bestimmter Gruppen von Frauen und Queers ist in diesem System nur zu erreichen, indem Ausbeutung und patriarchale Unterdrückung auf andere Frauen und Queersumverteilt werden. Gerade in Deutschland sind feministische und queerpolitische Institutionen – genausowie die Gewerkschaften – eng an die Gaben des Staats gebunden und umso abhängiger von seinen Konjunkturen.

Eine linksradikale und feministische Perspektive auf Emanzipation bedeutet, darauf hinzuweisen, dass der Staat nur sehr bedingt unser Freund und Verbündeter sein kann. Wir brauchen die Krümel, die er unshinwirft – aber wir sind es leid, in einem System zu leben, das uns zu Krümelempfängerinnen macht! Als linksradikale Feministinnen bewegen wir uns im Widerspruch: Wir wollen vom Staat Geld und Rechte – undihn gleichzeitig abschaffen, weil er Herrschafts- und Unterdrückungsverhältnisse aufrechterhält. RosaLuxemburg hat eine politische Praxis, die in den bestehenden Verhältnissen die Verhältnisse abschaffen will, ›revolutionäre Realpolitik‹ genannt. Vielleicht hilft uns die Erinnerung an die Kühnheit derArbeiter*innenbewegung, ein wenig die Würde zu bewahren, wenn wir wieder mal dem Staat die Nützlichkeitder feministischen, gesundheits- oder migrationspolitischen Einrichtungen beweisen sollen, bei denen wirunsere täglichen Krümel verdienen.

ft kommen wir vor lauter realpolitischen Abwehrkämpfen gar nicht mehr dazu, an revolutionäreVeränderungen zu denken und Utopien von einer herrrschaftsfreien, solidarischen undgeschlechtergerechten Welt zu spinnen. Gerade erleben wir, wie der Staat eine relativ frauen- undqueerfreundliche, progressive Konjunktur hinter sich lässt – wirklich transfreundlich war er ohnehin nie. Allerdings haben wir in den letzten Jahren die Erfahrung gemacht, dass es gar nichts bringt, wie die Kaninchen auf das kommende Verhängnis zu starren und krampfhaft alle Krümel festzuhalten. Es ist an der Zeit, sich strategisch zu besinnen und aus der Geschichte und von feministischen und sozialen Bewegung inallen Teilen der Welt zu lernen. Mut, Genoss*innen! Alerta feminista!

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We are the Alliance for an Emancipatory March 8th and consist of autonomous feminist groups in Leipzig. We founded ourselves after October 7, 2023, to uphold an anti-Semitism-critical perspective on this feminist day of struggle. We cannot imagine emancipation without the comprehensive liberation of all women and queer people – and not without fundamental solidarity with all Jewish people and with the State of Israel, however complicated that may be in the current situation. 

 

Furthermore, for us, emancipation means critique of the state. At our demonstration, there is broad consensus that girls, women, queer, and trans people need financial resources and legal protection to live, learn, love, and shape their lives autonomously. We demand that the state combat patriarchal inequality and violence in all its forms. We are outraged by the dismantling of the welfare state, which the Merz government is pushing forward, because it comes at the expense of those in precarious employment, the sick, the disabled, caregivers, and those providing support. We are outraged by the vilification of part-time working women and migrants who are supposedly out of place in our city. 

 

At the same time, we know: The state will never heal as many wounds as it inflicts. All states are founded on a misogynistic gender order. The state safeguards the capitalist system of property ownership, in which ruthlessness is financially rewarded and migrant and marginalized women in particular are driven into exploitation and poverty. The capitalist patriarchy assigns women essential, but poorly paid or unpaid, domestic and care work – and despises them for it. Patriarchal violence often goes unpunished due to legislation and jurisprudence that are hostile to victims. The emancipation of certain groups of women and queer people can only be achieved in this system by redistributing exploitation and patriarchal oppression onto other women and queer people. Especially in Germany, feminist and queer political institutions – just like the trade unions – are closely tied to state funding and therefore all the more dependent on its economic cycles. 

 

A radical left-wing and feminist perspective on emancipation means pointing out that the state can only be our friend and ally to a very limited extent. We need the crumbs it throws us – but we are tired of living in a system that turns us into crumb recipients! As radical left-wing feminists, we operate within a contradiction: We want money and rights from the state – and at the same time, we want to abolish it because it perpetuates relations of domination and oppression. Rosa Luxemburg called a political practice that seeks to abolish existing conditions „revolutionary realpolitik.“ Perhaps remembering the boldness of the workers‘ movement will help us to retain a little dignity when we are once again expected to prove to the state the usefulness of the feminist, health, or migration policy institutions where we earn our daily crumbs. 

 

Often, we are so preoccupied with realpolitik battles that we no longer have time to think about revolutionary change and to envision utopias of a world free from domination, based on solidarity and gender equality. We are currently witnessing the state abandoning a relatively women- and queer-friendly, progressive period – it was never truly trans-friendly anyway. However, in recent years we have learned that it is utterly pointless to stare like rabbits at the impending doom and desperately cling to every crumb. It is time to reflect strategically and to learn from history and from feminist and social movements in all parts of the world. Courage, comrades! Feminist alert!