Redebeitrag von Jessica Herrmann

Hallo, ich bin Jess. Und ich werde jetzt den nächsten Redebeitrag halten. Ich richte mich heute an uns. An die, die erlebt haben, was esheißt, wenn vermeintlich sichere Räume kippen. Aber ich richte mich auch an diejenigen, die sich in diesen Räumenbewegen, ohne sich selbst ernsthaft zu hinterfragen. An die jenigen, die sich feministisch nennen, aber nicht bereit sind, ihre eigene Rolle im System zu reflektieren. An diejenigen, die Kritik sofort als Angriff verstehen. An die jenigen, die lieber ihr Image verteidigen als Betroffenen zuzuhören. Die sich hinter politischen Labels verstecken. Denn ein Raum wird nicht dadurch feministisch, dass „links“ draufsteht. Ich habe keine Lust mehr auf dieses Auseinander fallen von Anspruch und Realität. Ich erlebe es in Freundschaften. Ich erlebe es im Aktivismus. Ich habe erlebt, wie Typengroße Worte über Feminismus riefen. Und im Alltag keinen Millimeter Platz gemacht haben. Wie sie über patriarchale Strukturen referiert haben. Und im gleichen Atemzug uns unterbrachen. Wie sie „Awareness“ und „Deutungshoheit“gesagt haben, aber nicht bereit waren, Konsequenzen zu tragen, wenn es um ihr eigenes Umfeld ging.

Ich habe mich dir anvertraut, ich brauche deine Unterstützung und nicht deinen Zweifel oder deine Überraschung.Und ich erinnere mich so genau an dieses Gefühl, wenn mir mit hochgezogenen Augenbrauen begegnet wurde.Dieses „Echt? Das hätte ich ihm nicht zugetraut. Bist du sicher?“ Ja. Ich war sicher und ich bin sicher.

 

Wir sitzen auf Plena, in politischen Gruppen, in Wohnzimmern von Freundinnen; und ich sehe immer wieder diegleichen Dynamiken. Die lautesten Typen reden am meisten. Sie haben lackierte Fingernägel und Tampons im Badstehen. Auf ihrem Laptop klebt ein Sticker mit „Feminismus oder Schlägerei“. Sie erklären uns diesen Feminismus. Aber sie reagieren auf Kritik mit Verteidigung. Sie fühlen sich angegriffen, wenn ich Grenzen ziehe. Und ich sitze daund denke: Wie kann es sein, dass ich mich sogar hier behaupten muss? Ich habe erlebt, wie Betroffene den Raumverlassen haben. Wie sie gegangen sind, weil es zu anstrengend war, immer wieder zu erklären, warum etwas nichtokay war. Ich habe erlebt, wie Täter bleiben durften – weil sie politisch wichtig waren. Weil sie „schon so viel gemachthaben“. Für mich ist ein Raum nicht sicher, nur weil er es behauptet. Er ist sicher, wenn ich weiß, dass mir geglaubtwird. Er ist sicher, wenn ich weiß, dass Konsequenzen folgen.

Und ich will nicht mehr die sein, die immer Verständnis von euch Typen hat.Ich will nicht mehr die sein, die die Stimmung rettet. Wenn ihr euch feministisch nennt, dann zeigt es. Nicht mitWorten, auch nicht mit bunten Aufklebern, sondern mit Praxis. Fragt eure Freunde, wie sie mit Grenzen umgehen.Greift ein, wenn einer von euch sexistische Scheiße labert. Übernehmt Verantwortung.

Ich habe keine Lust mehr darauf, dass wir uns anpassen, kleiner machen, strategischer sprechen – nur damit ihr euchnicht angegriffen fühlt. Ich habe keine Lust mehr darauf, dass wir gehen müssen, damit ihr bleiben könnt.

Wenn ihr euch feministisch nennt, dann beweist es in den Momenten, in denen es euch etwas kostet.

Wenn ein Freund von euch übergriffig war – dann schützt nicht ihn, sondern die Betroffene.

Wenn ihr merkt, dass ihr wieder dominiert – dann haltet die Klappe.

Wenn Kritik kommt – dann hört zu. Rechtfertigt euch nicht reflexhaft.

In meiner Rede ging es um uns alle. Aber meine Solidarität gilt meinen Genossinnen, die sich in ihren politischen Strukturen ständig behaupten müssen. Sie gilt mit meinen Freundinnen, die mit damals 19 oder Anfang 20 von 40-jährigen Typen aus ihrem Umfeld angemacht wurden. Sie gilt allen FLINTA, die jeden Tag den gleichen Mist erlebenmüssen. Ihr seid nicht allein. Vielen Dank.

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Hi, I’m Jess. And I’m going to give the next speech. Today, I’m addressing us. Those who have experienced what it means when an ostensibly safe space collapses. But I’m also addressing those who move within these spaces without seriously questioning themselves. Those who call themselves feminists but aren’t willing to reflect on their own role in the system. Those who immediately interpret criticism as an attack. Those who would rather defend their image than listen to those affected. Those who hide behind political labels. Because a space doesn’t become feminist just because it’s labeled „left.“ I’m fed up with this disconnect between aspiration and reality. I see it in friendships. I see it in activism. I’ve seen guys spouting grand pronouncements about feminism. And then not giving an inch in everyday life. How they lectured about patriarchal structures. And then, in the same breath, interrupted us. They talked about “awareness” and “interpretive authority”, but were not prepared to face the consequences when it came to their own environment.

I confided in you; I need your support, not your doubt or your shock. And I remember that feeling so clearly, when I was met with raised eyebrows. That „Really? I wouldn’t have thought he was capable of that. Are you sure?“ Yes. I was sure, and I am sure.

We sit in plenary sessions, in political groups, in friends‘ living rooms; and I see the same dynamics again and again. The loudest guys talk the most. They have painted fingernails and tampons in their bathrooms. Their laptops have a sticker that says „Feminism or a beating.“ They explain this feminism to us. But they react to criticism with defensiveness. They feel attacked when I set boundaries. And I sit there thinking: How is it possible that I even have to assert myself here? I’ve seen victims leave the room. I’ve seen them leave because it was too exhausting to constantly explain why something wasn’t okay. I’ve seen perpetrators allowed to stay—because they were politically important. Because they „have already done so much.“ For me, a space isn’t safe just because it claims to be. It’s safe when I know I’ll be believed. It’s safe when I know there will be consequences.

And I don’t want to be the one who always understands you anymore. I don’t want to be the one who saves the day. If you call yourselves feminists, then show it. Not with words, not with colorful stickers, but with action. Ask your friends how they deal with boundaries. Intervene when one of you spouts sexist garbage. Take responsibility.

I’m tired of us adapting, making ourselves smaller, speaking strategically – just so you don’t feel attacked. I’m tired of us having to leave so you can stay.

If you call yourself a feminist, prove it in the moments when it costs you something.

If a friend of yours has been abusive, don’t protect him, protect the victim.

If you realize you’re dominating again, keep quiet.

When criticism arises, listen. Don’t reflexively justify yourself. 

My speech was about all of us. But my solidarity goes out to my comrades who constantly have to assert themselves within their political structures. It goes out to my friends who, when they were 19 or in their early 20s, were harassed by 40-year-old men from their social circles. It goes out to all FLINTA people who have to experience the same crap every day. You are not alone. Thank you.