Rede von Laura Friedrich

Liebe Mitstreiterinnen, liebe Kolleginnen,

mein Name ist Laura und ich arbeite seit mehreren Jahren als Erzieherin in einer Kita der Stadt Leipzig. Und ich sage klar: ich bin wütend und ich bin müde. Vor einem Jahr habe ich bereits eine Streikrede gehalten. Ich habe über unsere Arbeitsbedingungen gesprochen. Über Überlastung. Über fehlende Entlastung. Über mangelnden Respekt für Carearbeit. Ein Jahr später stehe ich wieder hier. Und inzwischen werden Kitas geschlossen. Kolleg*innen wissen nicht, wie es weitergeht. Und Familien verlieren vertraute Orte für ihre Kinder. Begründet wird das mit der sinkenden Geburtenrate. Wenn Menschen erleben, dass soziale Infrastruktur abgebaut wird, wenn die Arbeitszeit erhöht werden soll,wenn ständig vermittelt wird, wir müssten alle mehr leisten, wenn Mieten und Lebenshaltungskosten schneller steigen als die Gehälter, dann braucht man sich nicht über eine sinkende Geburtenrate wundern. Es ist nicht so, dass kein Geld da wäre. Es ist eine Frage der Verteilung. Während Vermögen wachsen und Unternehmensgewinne steigen, wird im sozialen Bereich gekürzt und auf Verschleiß gearbeitet. Wir sollen immer mehr leisten-mit immer weniger Ressourcen. Es sind vor allem Frauen und generell weiblich gelesene Personen, die die Folgen tragen. Frauen verdienen im Schnitt weniger als Männer, arbeiten häufiger in Teilzeit und tragen den Großteil der unbezahlten Carearbeit. wie zum Beispiel der Kindererziehung. Nach der Geburt eines Kindes steigt für viele Frauen das Armutsrisiko deutlich. Das ist das Ergebnis politischer Entscheidungen und genau deshalb dürfen wir es nicht als gegeben hinnehmen!

Der Betreuungsschlüssel in den Kitas ist weiterhin schlecht. Zu wenig Zeit für jedes einzelne Kind. Zu
wenig Raum für Beziehung, Förderung, Ruhe.

Wir arbeiten im Dauer-Ausnahmezustand. Wir improvisieren. Wir kompensieren. Wir funktionieren. Aber Pädagogik ist kein Notfallbetrieb. Und das ist nicht nur Stress für uns.

Es ist Stress für die Kinder. Kinder brauchen stabile Beziehungen, Verlässlichkeit, Zeit. Keine Hetze.

Keine Daueranspannung. Es fehlt nicht an qualifizierten Menschen. Es fehlen Bedingungen, unter denen man diesen Beruf gesund ausüben kann. Schlechte Arbeitsbedingungen treiben Fachkräfte aus dem Beruf. Und sie schrecken junge Menschen ab, ihn überhaupt zu ergreifen.
Die hohen Krankenstände sind kein individuelles Versagen.

Sie sind das Ergebnis politischer Entscheidungen. Und was hören wir stattdessen? Debatten über die Aufweichung des 8-Stunden-Tages. Vorwürfe, wir würden zu wenig arbeiten.
Teilzeit wird als „Lifestyle“ bezeichnet. Teilzeit ist kein Lifestyle. Teilzeit ist für viele von uns die einzige
Möglichkeit, diesen Beruf überhaupt noch auszuüben. Es arbeiten überwiegend Frauen und weiblich
gelesene Personen in sozialen Berufen.
Viele von uns leisten nach Feierabend weiterhin unbezahlte Carearbeit.

Wir tragen die doppelte Belastung. Und genau auf diese Schultern wird noch mehr Druck ausgeübt. Wenn
Politiker, wie Friedrich Merz, sagen, wir müssten einfach weniger krank sein, dann ist das keine Lösung.
Das ist ein Wegschieben der Verantwortung. Krankheit ist kein individuelles Problem, sie ist die Folge von
dauerhafter Überlastung. Carearbeit hält diese Gesellschaft zusammen. Ohne uns würde hier nichts
laufen. Wir ermöglichen Erwerbsarbeit. Wir legen die Grundlage für Bildung.Wir sichern soziale
Entwicklung. Und trotzdem gelten wir als Kostenfaktor.
Wir sind kein Kostenfaktor. Wir sind Grundversorgung.

Deshalb sagen wir heute klar:
Wir brauchen einen besseren Betreuungsschlüssel.
Wir brauchen spürbare Entlastung im Arbeitsalltag
Wir brauchen sichere und gut finanzierte Kitas statt weitere Kürzungen.
Und wir brauchen politische Entscheidungen, die Carearbeit endlich ernst nehmen – finanziell und
strukturell.
Wir akzeptieren nicht,
dass wir erst überlastet, dann krank gemacht werden
und am Ende noch kaputt gespart werden.
Wir sind nicht schwach.
Wir sind systematisch überlastet.
Und wir werden nicht leise sein.
Nicht am 8. März. Und auch nicht danach. Wir sind wütend.
Und wir bleiben laut.

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Dear fellow activists, dear colleagues,
my name is Laura and I have been working as a childcare worker in a daycare center in the city of Leipzig for several years.

And let me be clear: I am angry and I am tired. A year ago, I already gave a strike speech.
I spoke about our working conditions. About being overworked. About the lack of support. About the lack of respect for care work. A year later, I am standing here again. And in the meantime, daycare centers are being closed. Colleagues don’t know what will happen next.

And families are losing familiar places for their children. This is justified by the declining birth rate. When people experience the dismantling of social infrastructure, when working hours are increasing, when we are constantly told that we all have to do more, when rents and the cost of living rise faster than salaries, then it’s no wonder there is a declining birth rate. It’s not that there isn’t any money. It’s a question of distribution. While wealth grows and corporate profits rise, cuts are made in the social sector, and work is being done at a break-even point. We are expected to do more and more with fewer and fewer resources. It is primarily women and people perceived as female who bear the consequences. On average, women earn less than men, work part-time more often, and perform the majority of unpaid care work, such as childcare. After the birth of a child, the risk of poverty increases significantly for many women. This is the result of political decisions, and that is precisely why we must not accept it as a given! The staff-to-child ratio in daycare centers remains poor. Too little time for each individual child. Too little space for relationships, development, and peace.

We are working in a constant state of emergency. We improvise. We compensate. We function.

But early childhood education is not an emergency operation. And this is not only stressful for us.

It is stressful for the children. Children need stable relationships, reliability, and time.

No rushing. No constant strain. There is no shortage of qualified people. There is a lack of conditions
under which one can practice this profession in a healthy way. Poor working conditions drive skilled workers out of the profession. And they deter young people from even entering it in the first place.

The high rates of sick leave are not an individual failure.

They are the result of political decisions. And what do we hear instead? Debates about
weakening the 8-hour workday. Accusations that we don’t work enough.

Part-time work is described as a „lifestyle.“ Part-time work is not a lifestyle. For many of us, part-time work is the only possibility of even practicing this profession at all. Women and people perceived as female are predominantly employed in social professions.

Many of us continue to perform unpaid care work after work.

We bear double the burden. And even more pressure is being placed on our shoulders. When
politicians like Friedrich Merz say we simply need to be sick less, that is not a solution.

This is shirking responsibility. Illness is not an individual problem; it is the result of chronic overwork. Care work holds this society together. Without us, nothing would function. We make paid employment possible. We lay the foundation for education. We ensure social development. And yet, we are considered a cost factor.

We are not a cost factor. We are essential services.

That’s why we are saying clearly today:

We need a better staff-to-child ratio.

We need tangible relief in our daily work.

We need safe and well-funded daycare centers, not further cuts.

And we need political decisions that finally take care work seriously – financially and structurally.

We will not accept being overburdened, then made ill, and finally crippled by budget cuts.

We are not weak.

We are systematically overburdened.

And we will not be silent.

Not on March 8th. And not afterward either. We are angry.

And we will remain loud.