Ich spreche heute stellvertretend für alle Gewaltschutzeinrichtungen der Stadt Leipzig zu euch. Wir sind empört, wütend und fassungslos. Wir sind empört, dass es nach all den kämpferischen Jahren immer noch Aufmerksamkeit für das Thema Gewalt gegen Frauen* und Kinder braucht. Wir sind wütend über die politischen Entscheidungsträger:innen, die weiterhin nicht den Mindeststandart der Istanbul Konvention erfüllen um Frauen und Mädchen ausreichend vor Gewalt zu schützen. Und wir sind fassungslos, dass nun durchschnittlich jeden zweiten Tag in Deutschland eine Frau von ihrem Expartner oder Partner getötet wird. All das passiert vor unseren Augen. Als Gewaltschutzeinrichtungen bieten wir von Gewalt bedrohten und betroffenen FLINTA* und Kindern sichere Räume und schnelle Hilfe. Wir arbeiten daran, dass Betroffene nicht allein gelassen werden: Wir glauben ihnen, wir hören zu, wir unterstützen, wir vermitteln zu rechtlicher Hilfe und medizinischer Versorgung. Ja, unsere Arbeit ist wichtig, aber wir reagieren erst, wenn die Gewalt bereits passiert ist. Gewalt passiert nicht einfach im luftleeren Raum oder in besonderen Ausnahmesituationen. Sie ist über viele Jahrhunderte fest eingeschrieben, erlernt und wird als Mittel zur Machterhaltung und Kontrolle genutzt. Das gilt es aufzubrechen! Wir wollen mehr sein als nur der Feuerlöscher der Gesellschaft.
Aber wisst ihr, worüber wir auch wütend, fassungslos und empört sind?! Am 17.02. wurde dem Gewaltschutznetzwerk in Leipzig mitgeteilt, dass das Modellprojekt der Zentralen Sofortaufnahme der Frauen*- & Kinderschutzhäuser mit dem 4. Frauen*-& Kinderschutzhaus Leipzigs zum 30.06. dieses Jahres vom zuständigen Sächsischen Ministerium für Soziales, Gesundheit und Gesellschaftlichen Zusammenhalt, konkret vom Referat 75, dicht gemacht wird. Ab dem 01.07. wird es diese in Sachen einzigartige, niedrigschwellige und kostenlose Aufnahmemöglichkeit für alle FLINTAs auch mit Suchterkrankung, mit psychischen Erkrankungen, mit Haustieren und/oder älteren Jungs einfach nicht mehr geben. Ab dem 01.07. wird das Haus als reguläres Frauenhaus weitergeführt bis Ende des Jahres – darüber hinaus gibt es keine Perspektive. Laut Ministerium verändert sich an den Schutzkapazitäten, aber Fakt ist, dass im zweiten Halbejahr satt über 50 Betroffene mit ihren Kindern nur noch ca. 10 Schutz finden werden. Ab dem 01.07. werden also viele Frauen und Kinder keinen SOFORTIGEN Schutzplatz mehr bekommen. Ab dem 01.07. werden außerdem viele gut ausgebildete Sozialarbeiterinnen, die sich seit Jahren den Arsch aufreißen für den Schutz der Frauen und Kinder, keinen Job mehr haben und wir müssen befürchten, dass die Zahl der Femizide ab dem 01.07. ansteigen wird! Einfach so! Einfach, weil das Land Sachsen keine läppischen 300.000€ mehr aufbringen will für die 2.Jahreshälfte 2026. Es ist ganz klar eine gefährliche und fahrlässige politische Entscheidung, um Geld zu sparen – aber auf wessen Kosten? Auf Kosten der Frauen und Kinder, die nun keinen Schutz mehr finden werden, weil sie die hohen Hürden der Frauenschutzhäuser nicht erfüllen; auf Kosten der Mitarbeiterinnen, die in 4 Monaten arbeitslos sind und sich fragen: wofür habe ich das alles gemacht; auf Kosten des restlichen Hilfesystems, das nun wieder auf den Ist-Stand von vor 5 Jahren zurückgeworfen wird und das alles puffern muss.
Wie kann es sein, dass nach den Epstein Akten, nach Gisèle Pelicot, der gerade veröffentlichten Dunkelfedtstudie LeSuBiA, wo sich wieder zeigt, wie hoch die Zahlen von Gewalt betroffenen Frauen* und Kindern ist und nach dem Gewalthilfegesetz tatsächlich bestehende Strukturen zerschlagen werden, Expertise und Arbeitserfahrung gekündigt wird und in der Endkonsequenz wieder mal die von Gewalt bedrohten und betroffenen Frauen und Kinder weniger Schutz haben als zuvor?! Die Idee war doch, dass es besser und nicht schlechter wird. Aber Sachsen ist Sachsen und findet immer den schlechtesten Weg.
Ja, wir sind empört, wütend und fassungslos, aber wir haben noch Kraft.
Wir appellieren hier und heute an Politik und Gesellschaft, Ressourcen zu schaffen und Gewaltschutz ernst zu nehmen. Gewalt geht uns alle an! Wir stehen weiterhin zusammen – heute und jeden Tag – für eine gewaltfreie Zukunft, denn die Zeit zu kämpfen, ist jetzt!
